Das Leben von Eva Wilhelmine Walter-Geissler (1900-1991)
Wissen Sie, meine Geschichte klingt sehr unwahrscheinlich, aber sie ist wirklich wahr
Ich hatte einen ganz grossen Posten in der kommunistischen Partei. Ich besass ein Passepartout für den Kremel, mit dem ich zu jedem gehen konnte. Ich war 23 Jahre alt und die Frau des Luftwaffenchefs, den ich ein Jahr zuvor als Angestellte der russischen Handelsvertretung in Berlin kennengelernt hatte. Kommunistin war ich schon immer gewesen. Ich gehörte dem Spartakusbund in München an, seit 1918, war also eines der ersten Mitglieder der Revolution und wurde, als alles zusammenbrach - ach, war das traurig -, verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, fast vier Monate lang. Das war ziemlich schlimm, als 18jähriges Mädchen im Knast zu sein. Auch meine ältere Schwester haben sie erwischt. Sie war frisch verheiratet, da kam ihr Mann in die Besuchsstunde - mit weisser Weste und Spazierstock - und hat verkündet, dass er sich scheiden lassen wolle. Er war Schweizer. Wir haben ihm das damals sehr übel genommen. Heute kann ich es verstehen: Ein angesehener Mann und zwei Weiber im Gefängnis - kahlgeschoren wegen der Läuse. Meine Schwester hat mir immer geholfen. Sie war viel attraktiver als ich, ein aussergewöhnlicher, leidenschaftlicher Mensch. Auch sie war in Moskau, auch sie hatte eine gute Stellung und natürlich einen Mann. Ich arbeitete an den Sitzungen als Uebersetzerin. Russisch konnte ich seit ich im ersten Weltkrieg die russischen Kriegsgefangenen betreuen musste. Bei jeder Sitzung war ich dabei. Es waren Sitzungen der deutschen Delegation vom Zentralkomitee der Partei und von der kommunistischen Internationalen, also der Komintern. Meine Schwester und ich sind nach Moskau gekommen mit einer eigenartigen Voreingenommenheit gegen Lenin. Wir haben gedacht, dass ein Mensch, der wie ein Gott verehrt wird, unnahbar und kalt sei. Aber er war das Gegenteil: so einen schlichten und wunderbaren Menschen habe ich unter den ganzen Politikern nicht gekannt. Lenin war wirklich ein Mann, der ganz einfach war, und wir waren hingerissen von ihm, vom ersten Moment an. An den Sitzungen war Lenin schon nicht mehr dabei. Er war ein schwer kranker Mann. Aber ich habe ihn noch vor der Krankheit gekannt, und auch seine Frau, die Krupskaja, die die hässlichste Frau war, die ich je gesehen habe, mit hevorquellenden Augen, doch war sie ein so wunderbarer Mensch wie er. Lenin hatte zwar allerdings eine Geliebte, wie alle Männer. Eine Kämpferin soll sie gewesen sein. Ich habe sie nie gesehen, doch sie kommt in jeder Biografie vor. Mich hat das nicht gestört. Als Mitglied der deutschen Delegation hatte ich drei Büroräume zur Verfügung. Und ich habe mich schrecklich geärgert, dass Katjana von der japanischen Partei und Iwan, ein Vertreter aus Indochina, zwei Zimmer miteinander teilen sollten, so hab ich denen einen Raum abgegeben. Alle hatten Uebernamen, und man wusste nicht, wie die Leute wirklich hiessen. Aber auch, wenn ich Iwans richtigen Namen gekannt hätte, hätte ich nicht wissen können, dass er sich später einmal Ho-Chi-Minh nennen würde. Ich darf sagen, dass er mich verehrt hat. Er war zehn Jahre älter als ich. Einmal sind wir zusammen in die Oper gegangen - Madame Butterfly - und sind Hände haltend dagesessen. Zwischen Iwan und mir, das war eine Romanze, nicht mehr, obwohl alle mich hochgenommen haben und gesagt haben, er sei mein Bräutigam. Trotzdem, wenn ich heute Madame Butterfly höre, denke ich an diese Zeit zurück. Es war wirklich der berühmte Ho-Chi-Minh gewesen. Erfahren hab ich es viel später durch einen Journalisten aus Amerika. Ich machte auch noch andere Arbeiten für die Partei. Gewöhnliche Büroarbeit, Referate abtippen und so. Im Winter wars 35 Grad Kälte draussen, und wir hatten keine Heizung. Als Lenin krank war, und man Wissenschaftler aus der ganzen Welt hat kommen lassen, waren meine Schwester und ich auch Protokollführerinnen. Ich stenografierte also, was diese Mediziner von sich gaben. Habe ich geschwitzt! All diese Fremdwörter. Ich hatte keine Ahnung. Wenn ich etwas nicht verstand, schrieb ich einfach: der Nerv Putschiputschi. Dann hat man hernach gesagt, die Eva hat es geschafft, Kompliziertes auf einen einfachen Nenner zu bringen. Trotz der ernsten Situation haben wir oft gelacht. Nach Lenins Tod sind die Leute in Russland gedrückt gewesen. Die GPU, die Geheimpolizei, war sehr stark. Da haben wir mal ein Fest gefeiert, und da hab ich einem Typen so ein Crème gefülltes Ding an den Kopf schmeissen wollen und habe ein Leninbild getroffen. Das war etwas Ungeheures. Man hat mich vor Gericht gebracht. Das muss im Herbst/Winter 1924 gewesen sein. Diese GPU-Leute und diese Ueberkommunisten sind eine ekelhafte Bande gewesen. Eines Tages sind sie gekommen und haben gesagt, mein Mann habe Bestechungsgelder von Dornier angenommen. Eine Anschuldigung, die man gegen jeden vorbringen kann. Aber das war der Grund, weshalb mein Mann verschickt wurde. Ich war damals an einer Tagung, da hat er mich angerufen und gesagt: "Beunruhige dich nicht, es ist eine Anklage gegen mich." Gut, ich beunruhigte mich nicht - mein Mann hatte den Leninorden und die höchsten Auszeichnungen -, doch als ich nach Hause kam, haben sie mir gesagt, man hätte meinen Mann abgeholt. Ein halbes Jahr lang habe ich nichts mehr von ihm gehört. Dann hab ich einen Anruf gekriegt und jemand hat gesagt: Genossin, wenn Sie Ihren Mann noch sehen wollen - er wird heute abtransportiert nach Solovki. (Solovki ist eine Insel im Weissen Meer, während 8 Monaten im Jahr durch Eis und Treibeis vom Festland abgeschnitten.) Nun hatte ich ein Dienstmädchen - ein rührendes Geschöpf -, das hat zu mir gesagt: Jetzt nehmen wir 3 Flaschen Wodka mit, und wir werden sehen. Auf dem Bahnhof standen schon die grossen Abtransportzüge bereit. Ich kam gerade an einem Fenster vorbei, wo mein Mann hinter der Scheibe stand. Er konnte mir nur noch mitteilen: Zehn Jahre. Ich versuchte nun alles, etwas gegen dieses Urteil zu unternehmen. Ich hatte ja meinen Ausweis, mit dem ich überallhin konnte. Da habe ich gemerkt, wozu Leute fähig sind, um Karriere zu machen. Der Stellvertreter meines Mannes, der sehr befreundet mit uns war, hat plötzlich nur noch ein Interesse gehabt: dass mein Mann in Gefangenschaft bleibt und er seinen Posten bekommt. Ich habe zu ihm gesagt: Du bist also wirklich die grösste Drecksau, die es gibt. Genau mit diesen Worten. Das einzige, was ich erreichen konnte, war die Erlaubnis, meinen Mann zu besuchen. Kem ist der Hafen, von dem die Schiffe nach Solovki wegfahren. Auf der Reise nach Kem hab ich erfahren, was für ein Volk die Russen sind. Als der Zug eine Panne hatte, musste man aussteigen. Man wurde in einem Dorf einquartiert, bei ganz einfachen Menschen. Nie vergesse ich das. Die lebten zu viert oder fünft in einem Raum. Zimmer waren mit einem Vorhang abgetrennt, und die Leute, zu denen ich kam, haben mich empfangen wie wenn ich der liebe Gotte wäre und mir ihr einziges Bett zur Verfügung gestellt. Nun war ich aber ein Fremdkörper in diesem Bett. Wanzen und Schwabenkäfer und anderes Ungezifer haben sich über mich hergemacht. Es war eine Schreckensnacht. Ich kam nach Kem, und ich kam nach Solovki. Doch nun ging es darum, eine Besuchsbewilligung vom Gouverneur von Solovki zu bekommen. Denn selbst wenn man die Bewilligung von Moskau hatte, konnte sie einem der Gouverneur von Solovki verweigern. Da sagte mir ein Matrose, es gebe zwei Gouverneure - einen guten und einen, der nie die Erlaubnis gebe, und er fand für mich heraus, wann der gute Dienst hatte. Ich ging also zum guten, der jedoch der schlechte war. Als ich den Matrosen auf der Strasse wieder antraf, sagte er mir voller Schrecken, man hätte mir den falschen angegeben. Doch habe ich in meinem Leben nie einen väterlicheren Menschen angetroffen als dieser so genannte schlechte Gouverneur. Ich bin ihm mit einem solchen Glauben entgegen getreten, dass ich ihn völlig entwaffnet habe. Ich habe ihm gesagt, ich sei hierher gekommen, um mit meinem Mann zu reden. Wenn mein Mann etwas angestellt hätte, wäre er so anständig und würde es sagen, und ich sei der Meinung, dass er nichts gemacht habe. Doch wenn, dann bitte, würde ich mich von ihm trennen. Der Gouverneur gab mir die Erlaubnis, mit meinem Mann zu sprechen. Mein Mann und ich durften sogar bei ihm wohnen. Mein Mann sagte: Es war eine Intrige von der GPU gegen mich, weil ich dich geheiratet habe, das verzeihen sie mir nie. Hier muss ich anmerken: In Berlin verkehrte ich zuerst in den Kreisen um George Grosz und Franz Jung und habe einen Posten bei der Gewerkschaft gehabt. Eines Tages hat mich die GPU nach Wien kommen lassen, um für sie zu arbeiten. Eingefädelt hatte es meine Schwester, die mit einem Agenten liiert war. Zuerst machte ich mit, bin dann aber wieder abgehauen, weil ich merkte, dass es eine brenzlige Sache ist und weil ich mich über den ungeheuren Geldaufwand der GPU aufgeregt habe. Mein Mann konnte mir genaue Daten nennen, die die Intrige beweisen konnten, und ich kehrte voller Hoffnung nach Moskau zurück. Doch leider bin ich dort auf ziemlich taube Ohren gestossen, weil der Nachfolger schon seine Günstlinge hatte. Etwa zwei Jahre später bekam ich nochmals die Erlaubnis, nach Solovki zu fahren. Aber die deutschen Genossen haben mich gewarnt. Ich hatte auch ein paar Freunde bei der GPU, die gesagt haben: Eva, du gehst ein zu grosses Risiko ein, wir können die schützende Hand nicht mehr allzu lange über dich halten. Die GPU ist gefrässig nach dir. - Beim zweiten Mal in Solovki habe ich meinem Mann gesagt: Ich kann dir nicht mehr helfen. Und er hat gesagt: Ich weiss das. Und er fügte hinzu: Wenn du jetzt nach Moskau zurückkehrst , dann schau, dass du so schnell wie möglich wegkommst. Ausserhalb von Russland kannst du mehr tun. Ja, und als ich nach Moskau zurückkam, war es schon so weit. Da hat mir der Genosse P. einen falschen Pass gegeben - man findet ja immer jemand, der einem hilft -, und so konnte ich nach Deutschland zurück.
Ohne Pass und ohne Geld sind Sie ein ganz armer Teufel.
Das war 1928. Ich ging wieder nach Berlin. Meine Schwester war zu jener Zeit in China, mit einem führenden Mitglied der Partei. Sie hatte immer nur "Führer". Sie war ein goldiger Mensch, aber ein Mann musste Führer sein. In München, während der Räteregierung, war es Max Levien, und in Moskau hat sie Treu kennen gelernt. Nach dem China-Aufenthalt ging Treu in die Opposition. Und die übliche Methode in Russland war: so jemand in ein Krankenhaus zu schicken und ihn dort sterben zu lassen. So hab ich dann bewerkstelligen müssen, dass meine Schwester und ihr kranker Mann mit der deutsch-russischen Luftfahrtsgesellschaft nach Berlin kommen konnten. Wir waren also zu dritt, und da wir alle geflohen waren, waren wir absolut mittellos. Da hat uns ein Inder bei sich aufgenommen, der ein grosser Freund von Nehru war und eine Vereinigung namens Anti-imperialistische Liga leitete. Diese Anti-imperialistische Liga hielt gerade ein Konferenz in Brüssel ab, an der ich teilnahm und dort den jungen Nehru persönlich kennen gelernt habe. Er hat mir dann geholfen, ein Büro einzurichten: das Indische Informationsbüro an der Mauerstrasse in Berlin, das nach dem Reichstagsbrand geräumt wurde. Lange Zeit führte ich eine Korrespondenz mit Nehru. Eine Reise nach Indien habe ich nur einmal gemacht, als Touristin, doch wenn Sie nur kurz nach Indien reisen, ist es eine Enttäuschung. Sie müssten ein paar Jahre gehen, um das indische Volk kennen zu lernen. Ich wollte noch einmal, aber das ging dann nicht. Einmal hat mir Nehru mitgeteilt, dass seine Frau krank sei. Sie hatte Lungenkrebs, und er wollte, dass sie in Deutschland bei Professor Sauerbruch operiert würde. So habe ich Frau Nehru und die kleine Indira kennen gelernt. Frau Nehru wurde aber schliesslich nicht von Sauerbruch operiert, sondern flog nach Amerika, wo man sie bestrahlte. Als der Professor in Amerika feststellte, dass sein Strahl missglückt war, hat er sie in den Schwarzwald in ein Sanatorium abgeschoben. Dort hab ich sie besucht. Auch später in Lausanne, wo sie dann gestorben ist, habe ich sie besucht. Jessas, was haben wir für schöne Zeiten gehabt. Indira war damals ganz jung, ein Mädchen, und mit ihr verbindet sich eine tiefe Freundschaft. Ich bin ein Stück aus ihrem Leben gewesen. In Paris, als ihr Vater sie nicht aus den Augen liess - Nehru war ein despotischer Vater - bin ich mit ihr abgehauen. Meine Schwester hatte ihn abgelenkt, und so konnte Indira das Pariser Leben kennen lernen. Als der Reichstag brannte, kam also die SA ins Informationsbüro. Auch in meine Wohnung kamen sie. Glücklicherweise war ich nicht zu Hause. Alles haben sie mitgenommen. Nur meine Vogelkäfige haben sie mir gelassen, und meine Affen. Ich war immer noch in der Kommunistischen Partei. Nun hatte ich eine Kammer - wenn man bei der die Tür aufmachte, ist eine Nische geschlossen worden. Dahinter war unser Vervielfältigungsapparat, mit dem wir die Flugblätter gegen den Faschismus herstellten. Wenn die den gefunden hätten! Und wenn die meine Vogelkäfige ausgeräumt hätten, wären wir alle verloren gewesen. Ich hatte unter dem Sand die Listen der Widerstandskämpfer versteckt gehabt. Dann hab ich den Nuggelapparat auseinandergenommen und in die Spree geworfen. Schweren Herzens. Drei Wochen hab ich nachher auf Zeitungspapier geschlafen. Und der Metzger, der Bäcker - alle haben mich versorgt, sind rührend gewesen. Und ich musste mich für einen Kollegen des Informationsbüros einsetzen. Dieser war bei der Haussuchung leider zu Hause gewesen, und den haben sie verhaftet. Er war Inder mit englischer Staatsangehörigkeit. Ich wusste, dass er einen Abgeordneten in England kannte, und da wollte ich dem schreiben. Da ich keine eigene Schreibmaschine mehr hatte - die haben ja alles mitgenommen-, ging ich aufs Postamt und schrieb mit der öffentlichen Schreibmaschine diesem Abgeordneten. Plötzlich steht ein Mann hinter mir: "Um Gottes Willen, Fräulein, Sie spielen ja mit Ihrem Leben!" Sag ich: "Warum?" - „Ja, wie können Sie, wenn das ein SA-Mann sieht!" - Sag ich: "Ich muss es riskieren, ihr seid alle feig." Der Inder ist frei geworden, das heisst, sie haben ihn ausgewiesen. Ich hatte mich dann wieder etabliert, hatte eine Wohnung, eine Stelle als Sekretärin, und ich wollte meine Schwester besuchen, die inzwischen in Zürich lebte. Nun öffnete sich aber an meinem Schreibtisch eine Schublade nicht. Es war ein altes Pult, das mir eine Jüdin, die fliehen musste, geschenkt hatte. Und wie ich von meiner Reise aus der Schweiz zurückkomme, konnte ich plötzlich diese Schublade öffnen. Da muss eine Haussuchung gewesen sein, habe ich gedacht. Der Hausmeister sagte: "Achja, da sind schon mal zwei so komische Gestalten gekommen...." Da bin ich zu meinem Chef gegangen. Er war ein Nazi, aber er mochte mich, und er hat mir gesagt: Hindu (so nannte er mich wegen meiner Beziehung zu Indien), geh sofort zum Hauptquartier der SS und frag, warum man bei dir eine Haussuchung gemacht hat. In diesem Hauptquartier ist mir das erste Mal im Leben das Herz in die Hose gefallen. Es wimmelte von SS-Leuten, und ich hatte Angst, obwohl mein Chef mir gesagt hatte, er hole mich da wieder raus. Also: Das Arschloch, das mich verhört hat, hiess Geissler wie ich. Das ärgert mich heute noch. Hab ich ihm noch gesagt: wir sind hoffentlich nicht miteinander verwandt - so eine Wut hab ich gehabt. Mein Chef hat mir gesagt, ich soll aggressiv sein, und ich frag also, wieso man dazu komme, eine Haussuchung zu machen. "Ja...wir haben Ihre Adresse bekommen." - "Durch wen?" - "Von einem, den wir verhaftet haben." - "Wer?" - "L." - "Das glaub ich nicht, dass es L. war." - "Wir haben schon Methoden, Adressen zu bekommen." Da sag ich: „Sie werden sich irren, bei mir kriegen Sie keine." In diesem Moment hat das Telefon geklingelt und mein Chef hat angerufen. "Hier ist SS-Obersturmführer Dr. Kremer, ist meine Sekretärin noch bei Ihnen? Ja? Wenn meine Sekretärin nicht sofort in einem Dienstwagen in mein Büro gebracht wird, werde ich Reichsführer SS Himmler anrufen. Er ist ein Schulkamerad von Fräulein Geissler und kennt sie sehr gut." Der hat nur noch gestammelt: "Sie können gehen." Das war ein schöner Augenblick. Mein Chef war grossartig.Hier muss ich anmerken: Das mit Himmler stimmt. Wir sind in München im selben Schulhaus zur Schule gegangen. Und ich weiss noch gut, dass ich in den Pausen Rollschuh mit ihm gelaufen bin. In meiner Berliner-Wohnung an der Agricolastrasse hatte ich 24 Vögel und meinen Hund, eine Dogge - mein alles. Und eines Tages, als ich nach Hause kam, hab ich drei schwarze SS-Wagen gesehen. Da wusste ich, dass sie oben sind. Jemand anders wäre in dieser Lage vielleicht nicht mehr hoch gegangen. Ich schon. Oben sagt einer der SS-Leute zu mir: "Haben Sie unsere Autos unten stehen sehen?" - "Ja." - "Und warum kommen Sie rauf?" - "Weil ich meine Tier nicht im Stich lasse." Da hat er mir meinen Pass gegeben, den er schon beschlagnahmt hatte. Den Hund habe ich mitgenommen, die Vögel in eine Vogelhandlung gebracht, und dann habe ich Deutschland verlassen. Im Jahr 1936 war das.
Ich sage immer: man darf keine Angst haben. Es gibt in jedem Menschen etwas, das anklingt
Ich ging via Prag in die Schweiz, musste aber alle drei Monate ausreisen. Ich hatte nur drei Monate Aufenthalt, musste also alle drei Monate nach Oesterreich ausreisen. Es ist eine furchtbare Sache gewesen. Da hab ich mir gedacht: jetzt musst du dir einen Schweizer suchen. Aber das war nicht so einfach. Ich hatte kein Geld, schön war ich auch nicht. Aber ich hab einen ganz lieben Mann bekommen. Ganz lieb, ganz fein. Und das kam so. Ich hatte einen Freund in Berlin, der Jude war und dem meine Schwester, nachdem ich ihn aus Berlin herausgebracht hatte, ein Visum nach Amerika verschaffen konnte. Als der Bürgerkrieg in Spanien ausbrach, kam er zurück, um gegen Franco zu kämpfen. In Spanien hat er einen Schweizer kennen gelernt, einen Zimmermann, der ebenfalls gegen Franco kämpfte, und da er von meinen Schwierigkeiten als Emigrantin wusste, hat er diesen gefragt, ob er mich heiraten würde. Die Antwort war Ja. Ohne mich im geringsten zu kennen. Da haben wir in Paris geheiratet. In der Schweiz wäre es, weil ich ja keine Papiere hatte, nicht gegangen. Und mein Mann, der Herr Walter, war so scheu, dass er monatelang kein Wort mit mir gesprochen hat. Kaum waren wir in Zürich, bekam Herr Walter den Stellungsbefehl. Er ging hin, und sie haben ihn gleich behalten und ihm einen Prozess gemacht. Acht Monate hat er bekommen, die er unverzüglich absitzen musste. Und drei Jahre Ehrverlust. Alle Spanienkämpfer, die gegen Franco waren, mussten sitzen. Aber die, die f ü r ihn gekämpft haben, nicht. Doch was mich gestört hat, war der Ehrverlust. Da hab ich mich hingesetzt und dem General Guisan einen Brief geschrieben. Ich habe ihm geschrieben: vor dem Gesetz sind alle gleich. Daraufhin ist der Ehrverlust gestrichen worden. Immerhin.
Diese Untermenschen-Einstellung der Menschen ist etwas, das mich verrückt macht.
1948 eröffnete ich den India Store in Zürich. Damals gab es keine Kleider- oder Schmuckboutiquen. Es gab nichts dieser Art. Ich hatte nebst Kleidern und Schmuck auch Kunstgegenstände, Antiquitäten, Thankas, Gebetsmühlen, Räucherstäbchen. Indira Gandhi war bei der Eröffnung dabei. Ich hatte immer Kontakt mit ihr gehabt. Ich wusste immer, wann sie in Zürich war, auch inoffiziell. Einmal besuchte ich sie im Hotel Baur au Lac. Es war Winter. Ich trug einen billigen Mantel und ging barfuss in Sandalen. Ich begrüsste den Portier und verlangte die Ministerpräsidentin Indira Gandhi zu sprechen. Der Portier stutzte. Da sagte ich ihm: "Frau Gandhi ist meine Freundin, melden Sie mich bitte an." Ich sah ihm an, dass er mich für eine Verrückte hielt. Da erschien Indira oben auf der Treppe, wir gingen voller Freude aufeinander zu und umarmten uns. Für mich ist jeder Mensch gleich. Ob er schwarz ist oder Jude. Welche Religion er hat, ist mir wurscht. Niemand kann etwas dafür, wo er geboren wurde. Ich selber bin ja in München geboren und aufgewachsen. Ich hatte eine wunderbare Mutter. Sie war ihrer Zeit weit voraus und ihre Kinder waren ihr alles. Sie hatte sieben uneheliche Kinder, als sie geheiratet hat, und dann hat sie noch neun bekommen. Ich war die jüngste, meine Schwester Luise die zweitjüngste. Wir mussten die abgetragenen Kleider anziehen, die schlecht rochen, vor allem die Schuhe. Ich habe es vorgezogen, keine Schuhe zu tragen, bis ich dreizehn Jahre alt war. Mein Vater war ein Beamter im Aussenministerium in München und ein Tyrann. Zuerst Berufsmilitär, dann Staatsdienst. Dann kam der Umsturz, und ein Sozialdemokrat ist Minister geworden. Das war ein schrecklicher Schlag für meinen Vater. Kurz darauf hat er sich pensionieren lassen. In die Politik bin ich durch den erstenWeltkrieg gekommen. Ich war 14, als er ausbrach. Ich habe in einem Lazarett gearbeitet. Wir hatten solche, die mit dem Bajonett in den Hintern gestochen wurden. Das war ein brutaler Kampf von Mann zu Mann. Der erste Weltkrieg war für mich das Schlimmste, viel schlimmer als nachher der zweite, weil eine Welt in mir zusammenbrach. 14 begann es. 15 war ein Taumel. Wenn die Verwundeten in offenen Tramwagen gebracht wurden, hat man sie mit Blumen, Würsten und Schnaps empfangen. Und 1916: nichts mehr. Gegen das Ende habe ich in einer chemischen Fabrik gearbeitet. Die hatten Mohnpflanzungen, für die man russische Kriegsgefangene zur Verfügung gestellt hat. Tagsüber haben sie auf den Feldern gearbeitet, abends sind sie kaserniert worden. Himmeldonnerwetter, wenn ich daran denke. Die haben nichts zu fressen gehabt. Meine Mutter hat mir heimlich Kartoffelsalat in Kübeln hingestellt, dass ich denen das geben konnte. Sie war eine wunderbare Frau. Der Arzt, den wir hatten, der hat zu mir gesagt: „Das sind ja Untermenschen, die fressen Würmer!“ Da hab ich ihm geantwortet: „Ja, warum fressen die Würmen? Weil sie Hunger haben, nicht aus Vergnügen!“ Als dann die Räteregierung zusammenbrach, hat man die Kriegsgefangenen im Münchner Schlachthaus niedergemacht. Darüber spricht kein Mensch. Aber die Roten hatten zehn Geiseln genommen, und weil die hingerichtet wurden, hat die ganze Welt, einschliesslich Papst, geschrien.
Die Freunde sagen: Eva, du bist eine Oase in der Wüste
Vierzig Jahre lang hab ich den India Store gehabt, von 1948-88. Zuerst am Limmatquai, dann an der Schoffelgasse. In den letzten Jahren habe ich keinen Profit mehr gemacht. Ich bin mehrmals überfallen worden. Am Schluss war die Ladentüre zugesperrt und draussen eine Klingel. Aber ich kam mit vielen Leuten in Kontakt. Hätte ich alleine in der Wohnung hocken sollen und resignieren? Meine grossen Freundinnen waren die Huren in der Strasse. Oberklasse. Sehr nette Mädchen. Sie sind die Verachteten, und der Mann, der zu ihnen geht, ist der feine Herr. Für mich wäre das nie ein Beruf gewesen. Und doch habe ich mit 82 Jahren das erste Geld auf der Strasse verdient. Da hat mir ein Freier gesagt: „Die Mädchen da, die sagen, dass Sie so lieb seien“ und hat mir hundert Franken geschenkt. Wie finden Sie das? Im Laden an der Schoffelgasse, da sind im ersten Stock Tauben und Spatzen frei herum geflogen und haben alles verschissen, aber das war mir wurscht. Ein paar Tauben waren in Käfigen. Eine Dohle hatte ich und Rani, meinen Hund. Regelmässig ging ich zur Limmat hinunter, um Tauben zu füttern. Tauben, die krank waren, nahm ich mit nach Hause und pflegte sie gesund. Einmal hatte ich wegen den Tauben einen Prozess. Morgens um acht kam die Kriminalpolizei. Ich würde Tauben pflegen, das sei verboten, ich solle sie ihnen rausgeben. Ich gab sie nicht. Dann musste ich zum Friedensrichter, aber mein Tierarzt kam mit mir und hat gesagt: „Ich kenne die Frau Walter seit sie in die Schweiz emigriert ist, und wenn ich ein krankes Tier habe, und Frau Walter nimmt es, dann bin ich überglücklich.“ Und weiter hat er gesagt, ich müsse vor Gericht gehen, denn nirgends stehe geschrieben, dass das Pflegen von kranken Vögeln verboten sei. Am Bezirksgericht sagt der Bezirksrichter zu mir, eh ich überhaupt meinen Mund aufgemacht habe: „Das muss ich Ihnen gleich sagen: wir sind da nicht im Dritten Reich, wo man ein freches Maul haben kann!“ So hat der mich empfangen! Da hab ich dem Protokollführer gesagt: „Seien Sie so gut und schreiben Sie auf, was der Herr Bezirksrichter zu mir gesagt hat. Und zu ihm selber sagte ich: „Meine Mutter hat mir einen guten Rat gegeben: Sag nie, was du denkst, sondern sag immer: ‚Sie sind aber ein feiner Herr und hier am richtigen Platz.’“ Dann bin ich wutentbrannt raus. Mein Anwalt sagte mir dann: „Frau Walter, Sie sind eine Querulantin, lassen Sie das doch sein!“ Sag ich: „Da kennen Sie mich schlecht und ging wieder zum Bezirksgericht. Einfach so. Und da stand: ‚Bezirksgerichtspräsident’. Dachte ich, geh ich doch zum Präsidenten. Im Vorzimmer werde ich gefragt, ob ich angemeldet sei. Nein, aber Sie brauchen nicht gleich vom Stuhl zu fallen, dass ich unangemeldet komme. Ich hab mir gesagt: Wenn er den Z. mag, dann bin ich verloren, aber wenn er ihn nicht mag.... Ich hab mich dann hingestellt und gesagt wie ein Schulmädchen: „Herr Präsident, ich habe eine pfundige Anklage gegen Herrn Bezirksrichter Z.“ Da hat er mich vorgelassen. Zuerst sagte er bloss, er werde Z. eine Rüge erteilen, worauf ich aber keinen Wert legte. - Gut, er wolle sich den Fall ansehen. Schliesslich habe ich ein Urteil bekommen, dass es begrüssenswert sei, kranke Vögel zu pflegen. Sie müssen nur an die richtige Stelle kommen Der Deutschenhass hier, ist etwas ganz Primitives. Ich hatte zum Beispiel meinen Hund vor der Metzgerei angebunden, mit dem falschen Halsband, wo die Marke nicht dran war. Kommt ein Polizist. Wem der Hund gehört? Mir. Die Verkäuferin sagt, sie kenne mich. Ich sag ihm, wo ich wohne. Ich hätte das Halsband zu Hause, ich sei in zehn Minuten wieder zu Hause. Dann gehe ich ins Milchgeschäft. Kommt er rein: „So einfach geht das nicht!“ Ich hab ihm meine genaue Adresse gesagt und er könne mich mal. Kaum bin ich in der Wohnung, steht er schon draussen und will meine Papiere sehen. Ich hab ihm meinen Schweizer Pass gegeben, und da hat er gesagt: „Oh, entschuldigezi, Si sind Schwizeri.“ Da hab ich gesagt: Jetzt können Sie mich dreimal. Ein Wirt hat mir gesagt. „Du Sauschwob, mach dass du mit deinem Hund weiterkommst!“ Hab ich gesagt: „Sie Sauschwizer können mir gar nichts sagen.“ Hat er die Polizei geholt. „Sie hat ‚Sauschwizer’ zu mir gesagt“, sagt er zum Polizisten. „Ja, das dürfen Sie doch nicht sagen“ sagt der Polizist zu mir. Dann habe ich ihm geantwortet. „Wenn der zu mir Sauschwob sagt, sag ich Sauschwizer zu ihm.“ Darauf der Polizist: Das sei nicht das Gleiche. ‚Sauschwob’ sei hier ein gängiger Ausdruck. Als 1980 die Jungen randalierten - die meisten Proteste fanden ja im Niederdorf statt - da habe ich gedacht: ich bin froh, dass ich 80 bin. So komme ich nicht in Versuchung. Ich mag Gewalttätigkeiten nicht, doch als wir in Berlin gegen Hitler kämpften, haben, wir uns auch vor die Strassenbahnen geworfen und so. Kurze Zeit war ich in einem Altersheim, antroposophisch, wo ich mich bevormundet fühlte. Dann brachte man mich hierher ins Krankenheim Entlisberg. Das Personal ist lieb. Die Aussicht aus dem Fenster ist schön. Zu jeder Mahlzeit krieg ich ein Gläschen Cognac. Aerztlich verordnet, und hie und da bringt mir ein Besuch eine Flasche Cognac mit, die ich dann verstecke.. Ich habe AHV und Kriegsrente von den Deutschen. Ich habe Verwandte, Freunde. Eigene Kinder hatte ich nie. Ich höre Radio, ich lese Zeitungen. Man sollte nicht so alt werden Eva Wilhelmine Walter-Geissler starb am 15. April 1991
Aufgezeichnet von Martin Hamburger