Einige Textbeispiele aus der Feder von Martin Hamburger
reformiert. Evangelisch reformierte Zeitung für die deutsche und rätoromanische Schweiz. September 2013
Glauben und Zweifeln
Am Ende der Primarschule, in der letzten Religionsstunde, als sich der evangelische Diakon mit einem Schlusswort von der Klasse verabschiedete, sagte er, bevor alle aufstanden und hinausrannten: „Martin, du bleibst da, dir möchte ich noch was sagen.“ Ich sei ihm in den vergangenen Jahren positiv aufgefallen, sagte er. Keiner sei so dabei gewesen im Unterricht, keiner habe so mitgemacht wie ich. Ich war schockiert. Ich ein Musterschüler?
Das habe ich nie sein wollen, in keinem Schulfach. Dann legte er die Hand auf meinen Nacken und sagte, ich solle ein Jünger Jesu werden. Ein Jünger Jesu, wie wird man das, wollte ich fragen, aber ich brachte kein Wort heraus.
Von zu Hause aus wurde ich nicht besonders religiös erzogen. Mein Vater, der jüdischer Abstammung war, offiziell konfessionslos, beschäftige sich nicht mit Glaubensfragen. Mein Bruder war ähnlich. Mein Grossvater mütterlicherseits war hingegen ein eifriger Protestant, der auf Spaziergängen Reden, um nicht zu sagen Predigten hielt, die sich häufig gegen den Papst richteten.
Ein Jünger Jesu, wie wird man das?
Ein Jünger Jesu, überlegte ich, das bedeutet wahrscheinlich, voll und ganz hinter diesem Jesus zu stehen bis zu seinem Tod und daran zu glauben, dass er auferstanden ist. Einer der Jünger, Thomas, tat sich schwer, dies zu glauben, und Jesus soll ihn aufgefordert haben, den Finger in seine Wundmale zu legen. Die Wundertaten konnte sich der Zweifelnde noch erklären, je nach dem, wie er sie interpretierte, aber Jesus selber? Der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt sagt in einem Videointerview, das ich erst kürzlich in einer Ausstellung sah: „Ich kann nicht glauben, was mir nicht einleuchtet.“
Vor der Konfirmation sagte ich zum Pfarrer, dass, wenn man es genau nähme, ich nicht konfirmiert werden könne, denn ich könne nicht wirklich glauben, dass Jesus Gott und Mensch zugleich gewesen sei. Für mich sei das nur symbolisch. Der Pfarrer war ein hochgewachsener, sportlicher, Mann, der, wenn er lächelte, eine starke Ausstrahlung hatte. Also lächelte er und meinte, als wäre mein Problem nicht wirklich ernst zu nehmen: „Das kommt dann schon.“ Ich mag Rituale und liess mich konfirmieren.
Mit 23 erlitt ich beim Akrobatiktraining einen Unfall. Ich lag verletzt im Spital. Bei der Notoperation wusste man nicht, ob ich überleben würde, doch nach ein paar Monaten ging es mir wieder gut. Seither fällt es mir leichter an Wunder zu glauben. Zu Gott beten ist selbstverständlich. Dankbar sein, im Alltag und Gott gegenüber, gibt mir Kraft.
Mit 52 lernte ich meine Frau kennen. Sie ist gläubige Katholikin. Wunder sind für sie etwas Zentrales und Allgegenwärtiges. Gott und Gottes Sohn und der heilige Geist gehören für sie zusammen. Manchmal begleite ich sie in die Messe, bin fasziniert von der Liturgie, fühle mich aber als Aussenstehender. Ich möchte mich bekreuzigen können, nicht nur äusserlich, was ich meistens tue, um nicht aufzufallen, sondern echt. Ich wundere mich über das Wunder des Abendmahls, stelle mich aber nicht in die Reihe und falle auf. Ich bin noch immer kein Jünger Jesu geworden, und wenn doch, dann wäre ich ein Jünger, der zweifelt.
Martin Hamburger
Das Leben von Eva Wilhelmine Walter-Geissler (1900-1991)
Wissen Sie, meine Geschichte klingt sehr unwahrscheinlich, aber sie ist wirklich wahr
Ich hatte einen ganz grossen Posten in der kommunistischen Partei. Ich besass ein Passepartout für den Kremel, mit dem ich zu jedem gehen konnte. Ich war 23 Jahre alt und die Frau des Luftwaffenchefs, den ich ein Jahr zuvor als Angestellte der russischen Handelsvertretung in Berlin kennengelernt hatte. Kommunistin war ich schon immer gewesen. Ich gehörte dem Spartakusbund in München an, seit 1918, war also eines der ersten Mitglieder der Revolution und wurde, als alles zusammenbrach - ach, war das traurig -, verhaftet und ins Gefängnis gesteckt, fast vier Monate lang. Das war ziemlich schlimm, als 18jähriges Mädchen im Knast zu sein. Auch meine ältere Schwester haben sie erwischt. Sie war frisch verheiratet, da kam ihr Mann in die Besuchsstunde - mit weisser Weste und Spazierstock - und hat verkündet, dass er sich scheiden lassen wolle. Er war Schweizer. Wir haben ihm das damals sehr übel genommen. Heute kann ich es verstehen: Ein angesehener Mann und zwei Weiber im Gefängnis - kahlgeschoren wegen der Läuse. Meine Schwester hat mir immer geholfen. Sie war viel attraktiver als ich, ein aussergewöhnlicher, leidenschaftlicher Mensch. Auch sie war in Moskau, auch sie hatte eine gute Stellung und natürlich einen Mann. Ich arbeitete an den Sitzungen als Uebersetzerin. Russisch konnte ich seit ich im ersten Weltkrieg die russischen Kriegsgefangenen betreuen musste. Bei jeder Sitzung war ich dabei. Es waren Sitzungen der deutschen Delegation vom Zentralkomitee der Partei und von der kommunistischen Internationalen, also der Komintern. Meine Schwester und ich sind nach Moskau gekommen mit einer eigenartigen Voreingenommenheit gegen Lenin. Wir haben gedacht, dass ein Mensch, der wie ein Gott verehrt wird, unnahbar und kalt sei. Aber er war das Gegenteil: so einen schlichten und wunderbaren Menschen habe ich unter den ganzen Politikern nicht gekannt. Lenin war wirklich ein Mann, der ganz einfach war, und wir waren hingerissen von ihm, vom ersten Moment an. An den Sitzungen war Lenin schon nicht mehr dabei. Er war ein schwer kranker Mann. Aber ich habe ihn noch vor der Krankheit gekannt, und auch seine Frau, die Krupskaja, die die hässlichste Frau war, die ich je gesehen habe, mit hevorquellenden Augen, doch war sie ein so wunderbarer Mensch wie er. Lenin hatte zwar allerdings eine Geliebte, wie alle Männer. Eine Kämpferin soll sie gewesen sein. Ich habe sie nie gesehen, doch sie kommt in jeder Biografie vor. Mich hat das nicht gestört. Als Mitglied der deutschen Delegation hatte ich drei Büroräume zur Verfügung. Und ich habe mich schrecklich geärgert, dass Katjana von der japanischen Partei und Iwan, ein Vertreter aus Indochina, zwei Zimmer miteinander teilen sollten, so hab ich denen einen Raum abgegeben. Alle hatten Uebernamen, und man wusste nicht, wie die Leute wirklich hiessen. Aber auch, wenn ich Iwans richtigen Namen gekannt hätte, hätte ich nicht wissen können, dass er sich später einmal Ho-Chi-Minh nennen würde. Ich darf sagen, dass er mich verehrt hat. Er war zehn Jahre älter als ich. Einmal sind wir zusammen in die Oper gegangen - Madame Butterfly - und sind Hände haltend dagesessen. Zwischen Iwan und mir, das war eine Romanze, nicht mehr, obwohl alle mich hochgenommen haben und gesagt haben, er sei mein Bräutigam. Trotzdem, wenn ich heute Madame Butterfly höre, denke ich an diese Zeit zurück. Es war wirklich der berühmte Ho-Chi-Minh gewesen. Erfahren hab ich es viel später durch einen Journalisten aus Amerika. Ich machte auch noch andere Arbeiten für die Partei. Gewöhnliche Büroarbeit, Referate abtippen und so. Im Winter wars 35 Grad Kälte draussen, und wir hatten keine Heizung. Als Lenin krank war, und man Wissenschaftler aus der ganzen Welt hat kommen lassen, waren meine Schwester und ich auch Protokollführerinnen. Ich stenografierte also, was diese Mediziner von sich gaben. Habe ich geschwitzt! All diese Fremdwörter. Ich hatte keine Ahnung. Wenn ich etwas nicht verstand, schrieb ich einfach: der Nerv Putschiputschi. Dann hat man hernach gesagt, die Eva hat es geschafft, Kompliziertes auf einen einfachen Nenner zu bringen. Trotz der ernsten Situation haben wir oft gelacht. Nach Lenins Tod sind die Leute in Russland gedrückt gewesen. Die GPU, die Geheimpolizei, war sehr stark. Da haben wir mal ein Fest gefeiert, und da hab ich einem Typen so ein Crème gefülltes Ding an den Kopf schmeissen wollen und habe ein Leninbild getroffen. Das war etwas Ungeheures. Man hat mich vor Gericht gebracht. Das muss im Herbst/Winter 1924 gewesen sein. Diese GPU-Leute und diese Ueberkommunisten sind eine ekelhafte Bande gewesen. Eines Tages sind sie gekommen und haben gesagt, mein Mann habe Bestechungsgelder von Dornier angenommen. Eine Anschuldigung, die man gegen jeden vorbringen kann. Aber das war der Grund, weshalb mein Mann verschickt wurde. Ich war damals an einer Tagung, da hat er mich angerufen und gesagt: "Beunruhige dich nicht, es ist eine Anklage gegen mich." Gut, ich beunruhigte mich nicht - mein Mann hatte den Leninorden und die höchsten Auszeichnungen -, doch als ich nach Hause kam, haben sie mir gesagt, man hätte meinen Mann abgeholt. Ein halbes Jahr lang habe ich nichts mehr von ihm gehört. Dann hab ich einen Anruf gekriegt und jemand hat gesagt: Genossin, wenn Sie Ihren Mann noch sehen wollen - er wird heute abtransportiert nach Solovki. (Solovki ist eine Insel im Weissen Meer, während 8 Monaten im Jahr durch Eis und Treibeis vom Festland abgeschnitten.) Nun hatte ich ein Dienstmädchen - ein rührendes Geschöpf -, das hat zu mir gesagt: Jetzt nehmen wir 3 Flaschen Wodka mit, und wir werden sehen. Auf dem Bahnhof standen schon die grossen Abtransportzüge bereit. Ich kam gerade an einem Fenster vorbei, wo mein Mann hinter der Scheibe stand. Er konnte mir nur noch mitteilen: Zehn Jahre. Ich versuchte nun alles, etwas gegen dieses Urteil zu unternehmen. Ich hatte ja meinen Ausweis, mit dem ich überallhin konnte. Da habe ich gemerkt, wozu Leute fähig sind, um Karriere zu machen. Der Stellvertreter meines Mannes, der sehr befreundet mit uns war, hat plötzlich nur noch ein Interesse gehabt: dass mein Mann in Gefangenschaft bleibt und er seinen Posten bekommt. Ich habe zu ihm gesagt: Du bist also wirklich die grösste Drecksau, die es gibt. Genau mit diesen Worten. Das einzige, was ich erreichen konnte, war die Erlaubnis, meinen Mann zu besuchen. Kem ist der Hafen, von dem die Schiffe nach Solovki wegfahren. Auf der Reise nach Kem hab ich erfahren, was für ein Volk die Russen sind. Als der Zug eine Panne hatte, musste man aussteigen. Man wurde in einem Dorf einquartiert, bei ganz einfachen Menschen. Nie vergesse ich das. Die lebten zu viert oder fünft in einem Raum. Zimmer waren mit einem Vorhang abgetrennt, und die Leute, zu denen ich kam, haben mich empfangen wie wenn ich der liebe Gotte wäre und mir ihr einziges Bett zur Verfügung gestellt. Nun war ich aber ein Fremdkörper in diesem Bett. Wanzen und Schwabenkäfer und anderes Ungezifer haben sich über mich hergemacht. Es war eine Schreckensnacht. Ich kam nach Kem, und ich kam nach Solovki. Doch nun ging es darum, eine Besuchsbewilligung vom Gouverneur von Solovki zu bekommen. Denn selbst wenn man die Bewilligung von Moskau hatte, konnte sie einem der Gouverneur von Solovki verweigern. Da sagte mir ein Matrose, es gebe zwei Gouverneure - einen guten und einen, der nie die Erlaubnis gebe, und er fand für mich heraus, wann der gute Dienst hatte. Ich ging also zum guten, der jedoch der schlechte war. Als ich den Matrosen auf der Strasse wieder antraf, sagte er mir voller Schrecken, man hätte mir den falschen angegeben. Doch habe ich in meinem Leben nie einen väterlicheren Menschen angetroffen als dieser so genannte schlechte Gouverneur. Ich bin ihm mit einem solchen Glauben entgegen getreten, dass ich ihn völlig entwaffnet habe. Ich habe ihm gesagt, ich sei hierher gekommen, um mit meinem Mann zu reden. Wenn mein Mann etwas angestellt hätte, wäre er so anständig und würde es sagen, und ich sei der Meinung, dass er nichts gemacht habe. Doch wenn, dann bitte, würde ich mich von ihm trennen. Der Gouverneur gab mir die Erlaubnis, mit meinem Mann zu sprechen. Mein Mann und ich durften sogar bei ihm wohnen. Mein Mann sagte: Es war eine Intrige von der GPU gegen mich, weil ich dich geheiratet habe, das verzeihen sie mir nie. Hier muss ich anmerken: In Berlin verkehrte ich zuerst in den Kreisen um George Grosz und Franz Jung und habe einen Posten bei der Gewerkschaft gehabt. Eines Tages hat mich die GPU nach Wien kommen lassen, um für sie zu arbeiten. Eingefädelt hatte es meine Schwester, die mit einem Agenten liiert war. Zuerst machte ich mit, bin dann aber wieder abgehauen, weil ich merkte, dass es eine brenzlige Sache ist und weil ich mich über den ungeheuren Geldaufwand der GPU aufgeregt habe. Mein Mann konnte mir genaue Daten nennen, die die Intrige beweisen konnten, und ich kehrte voller Hoffnung nach Moskau zurück. Doch leider bin ich dort auf ziemlich taube Ohren gestossen, weil der Nachfolger schon seine Günstlinge hatte. Etwa zwei Jahre später bekam ich nochmals die Erlaubnis, nach Solovki zu fahren. Aber die deutschen Genossen haben mich gewarnt. Ich hatte auch ein paar Freunde bei der GPU, die gesagt haben: Eva, du gehst ein zu grosses Risiko ein, wir können die schützende Hand nicht mehr allzu lange über dich halten. Die GPU ist gefrässig nach dir. - Beim zweiten Mal in Solovki habe ich meinem Mann gesagt: Ich kann dir nicht mehr helfen. Und er hat gesagt: Ich weiss das. Und er fügte hinzu: Wenn du jetzt nach Moskau zurückkehrst , dann schau, dass du so schnell wie möglich wegkommst. Ausserhalb von Russland kannst du mehr tun. Ja, und als ich nach Moskau zurückkam, war es schon so weit. Da hat mir der Genosse P. einen falschen Pass gegeben - man findet ja immer jemand, der einem hilft -, und so konnte ich nach Deutschland zurück.
Ohne Pass und ohne Geld sind Sie ein ganz armer Teufel.
Das war 1928. Ich ging wieder nach Berlin. Meine Schwester war zu jener Zeit in China, mit einem führenden Mitglied der Partei. Sie hatte immer nur "Führer". Sie war ein goldiger Mensch, aber ein Mann musste Führer sein. In München, während der Räteregierung, war es Max Levien, und in Moskau hat sie Treu kennen gelernt. Nach dem China-Aufenthalt ging Treu in die Opposition. Und die übliche Methode in Russland war: so jemand in ein Krankenhaus zu schicken und ihn dort sterben zu lassen. So hab ich dann bewerkstelligen müssen, dass meine Schwester und ihr kranker Mann mit der deutsch-russischen Luftfahrtsgesellschaft nach Berlin kommen konnten. Wir waren also zu dritt, und da wir alle geflohen waren, waren wir absolut mittellos. Da hat uns ein Inder bei sich aufgenommen, der ein grosser Freund von Nehru war und eine Vereinigung namens Anti-imperialistische Liga leitete. Diese Anti-imperialistische Liga hielt gerade ein Konferenz in Brüssel ab, an der ich teilnahm und dort den jungen Nehru persönlich kennen gelernt habe. Er hat mir dann geholfen, ein Büro einzurichten: das Indische Informationsbüro an der Mauerstrasse in Berlin, das nach dem Reichstagsbrand geräumt wurde. Lange Zeit führte ich eine Korrespondenz mit Nehru. Eine Reise nach Indien habe ich nur einmal gemacht, als Touristin, doch wenn Sie nur kurz nach Indien reisen, ist es eine Enttäuschung. Sie müssten ein paar Jahre gehen, um das indische Volk kennen zu lernen. Ich wollte noch einmal, aber das ging dann nicht. Einmal hat mir Nehru mitgeteilt, dass seine Frau krank sei. Sie hatte Lungenkrebs, und er wollte, dass sie in Deutschland bei Professor Sauerbruch operiert würde. So habe ich Frau Nehru und die kleine Indira kennen gelernt. Frau Nehru wurde aber schliesslich nicht von Sauerbruch operiert, sondern flog nach Amerika, wo man sie bestrahlte. Als der Professor in Amerika feststellte, dass sein Strahl missglückt war, hat er sie in den Schwarzwald in ein Sanatorium abgeschoben. Dort hab ich sie besucht. Auch später in Lausanne, wo sie dann gestorben ist, habe ich sie besucht. Jessas, was haben wir für schöne Zeiten gehabt. Indira war damals ganz jung, ein Mädchen, und mit ihr verbindet sich eine tiefe Freundschaft. Ich bin ein Stück aus ihrem Leben gewesen. In Paris, als ihr Vater sie nicht aus den Augen liess - Nehru war ein despotischer Vater - bin ich mit ihr abgehauen. Meine Schwester hatte ihn abgelenkt, und so konnte Indira das Pariser Leben kennen lernen. Als der Reichstag brannte, kam also die SA ins Informationsbüro. Auch in meine Wohnung kamen sie. Glücklicherweise war ich nicht zu Hause. Alles haben sie mitgenommen. Nur meine Vogelkäfige haben sie mir gelassen, und meine Affen. Ich war immer noch in der Kommunistischen Partei. Nun hatte ich eine Kammer - wenn man bei der die Tür aufmachte, ist eine Nische geschlossen worden. Dahinter war unser Vervielfältigungsapparat, mit dem wir die Flugblätter gegen den Faschismus herstellten. Wenn die den gefunden hätten! Und wenn die meine Vogelkäfige ausgeräumt hätten, wären wir alle verloren gewesen. Ich hatte unter dem Sand die Listen der Widerstandskämpfer versteckt gehabt. Dann hab ich den Nuggelapparat auseinandergenommen und in die Spree geworfen. Schweren Herzens. Drei Wochen hab ich nachher auf Zeitungspapier geschlafen. Und der Metzger, der Bäcker - alle haben mich versorgt, sind rührend gewesen. Und ich musste mich für einen Kollegen des Informationsbüros einsetzen. Dieser war bei der Haussuchung leider zu Hause gewesen, und den haben sie verhaftet. Er war Inder mit englischer Staatsangehörigkeit. Ich wusste, dass er einen Abgeordneten in England kannte, und da wollte ich dem schreiben. Da ich keine eigene Schreibmaschine mehr hatte - die haben ja alles mitgenommen-, ging ich aufs Postamt und schrieb mit der öffentlichen Schreibmaschine diesem Abgeordneten. Plötzlich steht ein Mann hinter mir: "Um Gottes Willen, Fräulein, Sie spielen ja mit Ihrem Leben!" Sag ich: "Warum?" - „Ja, wie können Sie, wenn das ein SA-Mann sieht!" - Sag ich: "Ich muss es riskieren, ihr seid alle feig." Der Inder ist frei geworden, das heisst, sie haben ihn ausgewiesen. Ich hatte mich dann wieder etabliert, hatte eine Wohnung, eine Stelle als Sekretärin, und ich wollte meine Schwester besuchen, die inzwischen in Zürich lebte. Nun öffnete sich aber an meinem Schreibtisch eine Schublade nicht. Es war ein altes Pult, das mir eine Jüdin, die fliehen musste, geschenkt hatte. Und wie ich von meiner Reise aus der Schweiz zurückkomme, konnte ich plötzlich diese Schublade öffnen. Da muss eine Haussuchung gewesen sein, habe ich gedacht. Der Hausmeister sagte: "Achja, da sind schon mal zwei so komische Gestalten gekommen...." Da bin ich zu meinem Chef gegangen. Er war ein Nazi, aber er mochte mich, und er hat mir gesagt: Hindu (so nannte er mich wegen meiner Beziehung zu Indien), geh sofort zum Hauptquartier der SS und frag, warum man bei dir eine Haussuchung gemacht hat. In diesem Hauptquartier ist mir das erste Mal im Leben das Herz in die Hose gefallen. Es wimmelte von SS-Leuten, und ich hatte Angst, obwohl mein Chef mir gesagt hatte, er hole mich da wieder raus. Also: Das Arschloch, das mich verhört hat, hiess Geissler wie ich. Das ärgert mich heute noch. Hab ich ihm noch gesagt: wir sind hoffentlich nicht miteinander verwandt - so eine Wut hab ich gehabt. Mein Chef hat mir gesagt, ich soll aggressiv sein, und ich frag also, wieso man dazu komme, eine Haussuchung zu machen. "Ja...wir haben Ihre Adresse bekommen." - "Durch wen?" - "Von einem, den wir verhaftet haben." - "Wer?" - "L." - "Das glaub ich nicht, dass es L. war." - "Wir haben schon Methoden, Adressen zu bekommen." Da sag ich: „Sie werden sich irren, bei mir kriegen Sie keine." In diesem Moment hat das Telefon geklingelt und mein Chef hat angerufen. "Hier ist SS-Obersturmführer Dr. Kremer, ist meine Sekretärin noch bei Ihnen? Ja? Wenn meine Sekretärin nicht sofort in einem Dienstwagen in mein Büro gebracht wird, werde ich Reichsführer SS Himmler anrufen. Er ist ein Schulkamerad von Fräulein Geissler und kennt sie sehr gut." Der hat nur noch gestammelt: "Sie können gehen." Das war ein schöner Augenblick. Mein Chef war grossartig.Hier muss ich anmerken: Das mit Himmler stimmt. Wir sind in München im selben Schulhaus zur Schule gegangen. Und ich weiss noch gut, dass ich in den Pausen Rollschuh mit ihm gelaufen bin. In meiner Berliner-Wohnung an der Agricolastrasse hatte ich 24 Vögel und meinen Hund, eine Dogge - mein alles. Und eines Tages, als ich nach Hause kam, hab ich drei schwarze SS-Wagen gesehen. Da wusste ich, dass sie oben sind. Jemand anders wäre in dieser Lage vielleicht nicht mehr hoch gegangen. Ich schon. Oben sagt einer der SS-Leute zu mir: "Haben Sie unsere Autos unten stehen sehen?" - "Ja." - "Und warum kommen Sie rauf?" - "Weil ich meine Tier nicht im Stich lasse." Da hat er mir meinen Pass gegeben, den er schon beschlagnahmt hatte. Den Hund habe ich mitgenommen, die Vögel in eine Vogelhandlung gebracht, und dann habe ich Deutschland verlassen. Im Jahr 1936 war das.
Ich sage immer: man darf keine Angst haben. Es gibt in jedem Menschen etwas, das anklingt
Ich ging via Prag in die Schweiz, musste aber alle drei Monate ausreisen. Ich hatte nur drei Monate Aufenthalt, musste also alle drei Monate nach Oesterreich ausreisen. Es ist eine furchtbare Sache gewesen. Da hab ich mir gedacht: jetzt musst du dir einen Schweizer suchen. Aber das war nicht so einfach. Ich hatte kein Geld, schön war ich auch nicht. Aber ich hab einen ganz lieben Mann bekommen. Ganz lieb, ganz fein. Und das kam so. Ich hatte einen Freund in Berlin, der Jude war und dem meine Schwester, nachdem ich ihn aus Berlin herausgebracht hatte, ein Visum nach Amerika verschaffen konnte. Als der Bürgerkrieg in Spanien ausbrach, kam er zurück, um gegen Franco zu kämpfen. In Spanien hat er einen Schweizer kennen gelernt, einen Zimmermann, der ebenfalls gegen Franco kämpfte, und da er von meinen Schwierigkeiten als Emigrantin wusste, hat er diesen gefragt, ob er mich heiraten würde. Die Antwort war Ja. Ohne mich im geringsten zu kennen. Da haben wir in Paris geheiratet. In der Schweiz wäre es, weil ich ja keine Papiere hatte, nicht gegangen. Und mein Mann, der Herr Walter, war so scheu, dass er monatelang kein Wort mit mir gesprochen hat. Kaum waren wir in Zürich, bekam Herr Walter den Stellungsbefehl. Er ging hin, und sie haben ihn gleich behalten und ihm einen Prozess gemacht. Acht Monate hat er bekommen, die er unverzüglich absitzen musste. Und drei Jahre Ehrverlust. Alle Spanienkämpfer, die gegen Franco waren, mussten sitzen. Aber die, die f ü r ihn gekämpft haben, nicht. Doch was mich gestört hat, war der Ehrverlust. Da hab ich mich hingesetzt und dem General Guisan einen Brief geschrieben. Ich habe ihm geschrieben: vor dem Gesetz sind alle gleich. Daraufhin ist der Ehrverlust gestrichen worden. Immerhin.
Diese Untermenschen-Einstellung der Menschen ist etwas, das mich verrückt macht.
1948 eröffnete ich den India Store in Zürich. Damals gab es keine Kleider- oder Schmuckboutiquen. Es gab nichts dieser Art. Ich hatte nebst Kleidern und Schmuck auch Kunstgegenstände, Antiquitäten, Thankas, Gebetsmühlen, Räucherstäbchen. Indira Gandhi war bei der Eröffnung dabei. Ich hatte immer Kontakt mit ihr gehabt. Ich wusste immer, wann sie in Zürich war, auch inoffiziell. Einmal besuchte ich sie im Hotel Baur au Lac. Es war Winter. Ich trug einen billigen Mantel und ging barfuss in Sandalen. Ich begrüsste den Portier und verlangte die Ministerpräsidentin Indira Gandhi zu sprechen. Der Portier stutzte. Da sagte ich ihm: "Frau Gandhi ist meine Freundin, melden Sie mich bitte an." Ich sah ihm an, dass er mich für eine Verrückte hielt. Da erschien Indira oben auf der Treppe, wir gingen voller Freude aufeinander zu und umarmten uns. Für mich ist jeder Mensch gleich. Ob er schwarz ist oder Jude. Welche Religion er hat, ist mir wurscht. Niemand kann etwas dafür, wo er geboren wurde. Ich selber bin ja in München geboren und aufgewachsen. Ich hatte eine wunderbare Mutter. Sie war ihrer Zeit weit voraus und ihre Kinder waren ihr alles. Sie hatte sieben uneheliche Kinder, als sie geheiratet hat, und dann hat sie noch neun bekommen. Ich war die jüngste, meine Schwester Luise die zweitjüngste. Wir mussten die abgetragenen Kleider anziehen, die schlecht rochen, vor allem die Schuhe. Ich habe es vorgezogen, keine Schuhe zu tragen, bis ich dreizehn Jahre alt war. Mein Vater war ein Beamter im Aussenministerium in München und ein Tyrann. Zuerst Berufsmilitär, dann Staatsdienst. Dann kam der Umsturz, und ein Sozialdemokrat ist Minister geworden. Das war ein schrecklicher Schlag für meinen Vater. Kurz darauf hat er sich pensionieren lassen. In die Politik bin ich durch den erstenWeltkrieg gekommen. Ich war 14, als er ausbrach. Ich habe in einem Lazarett gearbeitet. Wir hatten solche, die mit dem Bajonett in den Hintern gestochen wurden. Das war ein brutaler Kampf von Mann zu Mann. Der erste Weltkrieg war für mich das Schlimmste, viel schlimmer als nachher der zweite, weil eine Welt in mir zusammenbrach. 14 begann es. 15 war ein Taumel. Wenn die Verwundeten in offenen Tramwagen gebracht wurden, hat man sie mit Blumen, Würsten und Schnaps empfangen. Und 1916: nichts mehr. Gegen das Ende habe ich in einer chemischen Fabrik gearbeitet. Die hatten Mohnpflanzungen, für die man russische Kriegsgefangene zur Verfügung gestellt hat. Tagsüber haben sie auf den Feldern gearbeitet, abends sind sie kaserniert worden. Himmeldonnerwetter, wenn ich daran denke. Die haben nichts zu fressen gehabt. Meine Mutter hat mir heimlich Kartoffelsalat in Kübeln hingestellt, dass ich denen das geben konnte. Sie war eine wunderbare Frau. Der Arzt, den wir hatten, der hat zu mir gesagt: „Das sind ja Untermenschen, die fressen Würmer!“ Da hab ich ihm geantwortet: „Ja, warum fressen die Würmen? Weil sie Hunger haben, nicht aus Vergnügen!“ Als dann die Räteregierung zusammenbrach, hat man die Kriegsgefangenen im Münchner Schlachthaus niedergemacht. Darüber spricht kein Mensch. Aber die Roten hatten zehn Geiseln genommen, und weil die hingerichtet wurden, hat die ganze Welt, einschliesslich Papst, geschrien.
Die Freunde sagen: Eva, du bist eine Oase in der Wüste
Vierzig Jahre lang hab ich den India Store gehabt, von 1948-88. Zuerst am Limmatquai, dann an der Schoffelgasse. In den letzten Jahren habe ich keinen Profit mehr gemacht. Ich bin mehrmals überfallen worden. Am Schluss war die Ladentüre zugesperrt und draussen eine Klingel. Aber ich kam mit vielen Leuten in Kontakt. Hätte ich alleine in der Wohnung hocken sollen und resignieren? Meine grossen Freundinnen waren die Huren in der Strasse. Oberklasse. Sehr nette Mädchen. Sie sind die Verachteten, und der Mann, der zu ihnen geht, ist der feine Herr. Für mich wäre das nie ein Beruf gewesen. Und doch habe ich mit 82 Jahren das erste Geld auf der Strasse verdient. Da hat mir ein Freier gesagt: „Die Mädchen da, die sagen, dass Sie so lieb seien“ und hat mir hundert Franken geschenkt. Wie finden Sie das? Im Laden an der Schoffelgasse, da sind im ersten Stock Tauben und Spatzen frei herum geflogen und haben alles verschissen, aber das war mir wurscht. Ein paar Tauben waren in Käfigen. Eine Dohle hatte ich und Rani, meinen Hund. Regelmässig ging ich zur Limmat hinunter, um Tauben zu füttern. Tauben, die krank waren, nahm ich mit nach Hause und pflegte sie gesund. Einmal hatte ich wegen den Tauben einen Prozess. Morgens um acht kam die Kriminalpolizei. Ich würde Tauben pflegen, das sei verboten, ich solle sie ihnen rausgeben. Ich gab sie nicht. Dann musste ich zum Friedensrichter, aber mein Tierarzt kam mit mir und hat gesagt: „Ich kenne die Frau Walter seit sie in die Schweiz emigriert ist, und wenn ich ein krankes Tier habe, und Frau Walter nimmt es, dann bin ich überglücklich.“ Und weiter hat er gesagt, ich müsse vor Gericht gehen, denn nirgends stehe geschrieben, dass das Pflegen von kranken Vögeln verboten sei. Am Bezirksgericht sagt der Bezirksrichter zu mir, eh ich überhaupt meinen Mund aufgemacht habe: „Das muss ich Ihnen gleich sagen: wir sind da nicht im Dritten Reich, wo man ein freches Maul haben kann!“ So hat der mich empfangen! Da hab ich dem Protokollführer gesagt: „Seien Sie so gut und schreiben Sie auf, was der Herr Bezirksrichter zu mir gesagt hat. Und zu ihm selber sagte ich: „Meine Mutter hat mir einen guten Rat gegeben: Sag nie, was du denkst, sondern sag immer: ‚Sie sind aber ein feiner Herr und hier am richtigen Platz.’“ Dann bin ich wutentbrannt raus. Mein Anwalt sagte mir dann: „Frau Walter, Sie sind eine Querulantin, lassen Sie das doch sein!“ Sag ich: „Da kennen Sie mich schlecht und ging wieder zum Bezirksgericht. Einfach so. Und da stand: ‚Bezirksgerichtspräsident’. Dachte ich, geh ich doch zum Präsidenten. Im Vorzimmer werde ich gefragt, ob ich angemeldet sei. Nein, aber Sie brauchen nicht gleich vom Stuhl zu fallen, dass ich unangemeldet komme. Ich hab mir gesagt: Wenn er den Z. mag, dann bin ich verloren, aber wenn er ihn nicht mag.... Ich hab mich dann hingestellt und gesagt wie ein Schulmädchen: „Herr Präsident, ich habe eine pfundige Anklage gegen Herrn Bezirksrichter Z.“ Da hat er mich vorgelassen. Zuerst sagte er bloss, er werde Z. eine Rüge erteilen, worauf ich aber keinen Wert legte. - Gut, er wolle sich den Fall ansehen. Schliesslich habe ich ein Urteil bekommen, dass es begrüssenswert sei, kranke Vögel zu pflegen. Sie müssen nur an die richtige Stelle kommen Der Deutschenhass hier, ist etwas ganz Primitives. Ich hatte zum Beispiel meinen Hund vor der Metzgerei angebunden, mit dem falschen Halsband, wo die Marke nicht dran war. Kommt ein Polizist. Wem der Hund gehört? Mir. Die Verkäuferin sagt, sie kenne mich. Ich sag ihm, wo ich wohne. Ich hätte das Halsband zu Hause, ich sei in zehn Minuten wieder zu Hause. Dann gehe ich ins Milchgeschäft. Kommt er rein: „So einfach geht das nicht!“ Ich hab ihm meine genaue Adresse gesagt und er könne mich mal. Kaum bin ich in der Wohnung, steht er schon draussen und will meine Papiere sehen. Ich hab ihm meinen Schweizer Pass gegeben, und da hat er gesagt: „Oh, entschuldigezi, Si sind Schwizeri.“ Da hab ich gesagt: Jetzt können Sie mich dreimal. Ein Wirt hat mir gesagt. „Du Sauschwob, mach dass du mit deinem Hund weiterkommst!“ Hab ich gesagt: „Sie Sauschwizer können mir gar nichts sagen.“ Hat er die Polizei geholt. „Sie hat ‚Sauschwizer’ zu mir gesagt“, sagt er zum Polizisten. „Ja, das dürfen Sie doch nicht sagen“ sagt der Polizist zu mir. Dann habe ich ihm geantwortet. „Wenn der zu mir Sauschwob sagt, sag ich Sauschwizer zu ihm.“ Darauf der Polizist: Das sei nicht das Gleiche. ‚Sauschwob’ sei hier ein gängiger Ausdruck. Als 1980 die Jungen randalierten - die meisten Proteste fanden ja im Niederdorf statt - da habe ich gedacht: ich bin froh, dass ich 80 bin. So komme ich nicht in Versuchung. Ich mag Gewalttätigkeiten nicht, doch als wir in Berlin gegen Hitler kämpften, haben, wir uns auch vor die Strassenbahnen geworfen und so. Kurze Zeit war ich in einem Altersheim, antroposophisch, wo ich mich bevormundet fühlte. Dann brachte man mich hierher ins Krankenheim Entlisberg. Das Personal ist lieb. Die Aussicht aus dem Fenster ist schön. Zu jeder Mahlzeit krieg ich ein Gläschen Cognac. Aerztlich verordnet, und hie und da bringt mir ein Besuch eine Flasche Cognac mit, die ich dann verstecke.. Ich habe AHV und Kriegsrente von den Deutschen. Ich habe Verwandte, Freunde. Eigene Kinder hatte ich nie. Ich höre Radio, ich lese Zeitungen. Man sollte nicht so alt werden Eva Wilhelmine Walter-Geissler starb am 15. April 1991
Aufgezeichnet von Martin Hamburger
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Jahreszeiten
Im Frühling solidarisieren wir uns mit den Schildkröten
Im Sommer solidarisieren wir uns mit den Enten
Im Herbst solidarisieren wir uns mit den Eichhörnchen
Im Winter solidarisieren wir uns mit den Amseln
Und manchmal ...füttern wir die Dritte Welt.
Martin Hamburger
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Infektionen - Jazz und improvisierte Musik im Bild der Sprache
von Martin Hamburger
Menschen, die etwas von Musik verstehen, werden mich nie verstehen. Ich höre Musik, wie kleine Kinder essen. Sie stopfen Nahrung in sich hinein. Gleichgültig. Manchmal auch lustvoll. Manchmal verweigern sie die Nahrungsaufnahme.
Fragt man mich, welche Musik mir gefalle, werde ich verlegen und antworte: Klassik. Eigentlich kommt es mir nicht drauf an, mir gefällt alles, irgendwie, und ich müsste ehrlicherweise sagen: Mir gefällt alles.
Ich stelle mir vor, dass Leute, die etwas von Musik verstehen, einen differenzierten Musikgeschmack haben. Sie würden auf die Frage, welche Musik ihnen gefalle, differenziert antworten: Der frühe Louis Armstrong oder der späte Beethoven oder Dave Brubeck, aber nur wenn er swingt Oder: Gregorianischer Chorgesang. Mir gefällt zum Beispiel auch Gregorianischer Chorgesang, und in bestimmten Momenten brauche ich Gregorianischen Chorgesang, alles andere würde mich nervös machen.
Mein Musikgeschmack hängt mit Lebensabschnitten oder Lebenssituationen, mit Erinnerungen und Imaginationen zusammen. So liebe ich etwa Marschmusik. Gewöhnliche Marschmusik. Tschinaratapum. In meiner Kindheit ist an schönen Sonntagvormittagen die Quartiermusik durch die Strassen gezogen. Von weitem schon hat man sie gehört, und mein Bruder und ich sind aufgestanden und im Pyjama auf die Strasse gerannt, um der Blasmusik zu folgen, der bereits eine Kinderschar hinterher lief. Und so liefen wir stundenlang mit, wie die Kinder von Hammeln hinter dem Rattenfänger, und vergassen alles um uns herum, vergassen vor allem unsere Eltern und den Sonntagsbraten, der auf uns wartete, und kamen erst am Nachmittag nach Hause, wo wir für das unerlaubte Fernbleiben ausgeschimpft wurden, doch für das hautnahe Erlebnis der Blasmusik nahm ich den Schimpf in Kauf. Ich sehe und höre den dicken Mann, der die furzenden Töne der Basstuba spielte, noch heute, und den hünenhaften Mann, der die Pauke schlug; und da gab es auch Posaunen, deren Züge gleichzeitig aus- und eingezogen wurden, was mich faszinierte; es gab Trompeten, Klarinetten. Besonderen Eindruck hat mir das Xylophon gemacht, vor allem die feierliche Art, wie der Xylophonspieler es vor sich hertrug. Das schönste waren die Tschinellen, die der debile Strassenkehrer mit äusserster Konzentration immer dann zusammenschlug, wenn sie zusammengeschlagen werden mussten. Mir gefielen die Uniformen. Mir gefiel der Ernst, der von unserer Quartiermusik aus ging. Blasmusik und Marschmusik ist für mich auch verbunden mit Frieden, was merkwürdig ist, da sich ja das Militär der Blas- und Marschmusik bedient, um in den Krieg zu ziehen. Wenn eine Blasmusik spielt bei einer Jubiläums- oder Trauerfeier, bekomme ich feuchte Augen, allerdings nur, wenn ich unmittelbar dabei bin. Nur live. Blasmusik über einen Tonträger wäre wirkungslos. Am ersten August sah ich letztes Jahr in einem Dorf im Unterengadin den Handwerker, den Metzger, den Bäcker, den Lehrerr, den Landwirt, die ich alle vom Sehen kannte, in der Blasmusik harmonisch vereint und ein friedliches Gefühl überfiel mich, und ich hatte den Eindruck, dass alle, die in einer Blasmusik spielen, brave, rechtschaffene Menschen sein müssen. Menschen, die niemandem etwas zuleide tun könnten.
Auch Barpianisten sind brave Menschen. Doch in unserer Zeit, in der jeder alles kennt oder zu kennen glaubt, ist es schwierig für einen unbekannten Barpianisten in einer unbekannten Bar. Es ist traurig, wenn einer pausenlos spielt und spielt und die Musik im Stimmenlärm von ignoranten Leuten untergeht. Ich bin der einzige, der ihm zuhört, denke ich dann, an den Tresen gelehnt, und beobachte ihn, wie er dasitzt und in die Tasten greift, beobachte seine ernste Miene, die auch bei lustigen Stücken ernst bleibt, und es kommt dann nicht darauf an, welche Evergreens er spielt und wie gut oder wie schlecht. Es kommt dann auf nichts anderes an als auf seine Einsamkeit. Eigentlich liebt er seine Musik. Er liebt sie wie seine beiden Kinder, die er ernähren muss von seinem mageren Lohn in der lauten Bar. Das Publikum jedoch verachtet er, und ich weiss nicht, ob das Publikum ihm nicht zuhört, weil er es verachtet oder ob er das Publikum verachtet, weil es ihm nicht zuhört. Er spielt und niemand beachtet ihn, und er träumt davon, ein Konzert in der Tonhalle zu geben, wo das Publikum zur Salzsäule erstarrt auf den Stühlen sitzt und niemand anderem zuhört als ihm. So denkt er, während des Klavierspiels in der lärmigen Bar. Und wenn er sich schliesslich, nachdem er die bekanntesten Melodien durchgespielt hat, zu einigen Akkorden und Läufen hinreissen lässt, von der untersten zur obersten Taste und zurück, wenn er den Schluss aller Schlüsse demonstriert und darauf augenblicklich verstummt, dann ist ein müdes Klatschen zu vernehmen, ein herablassendes Klatschen, ohne Freundlichkeit, und man ist überrascht, dass überhaupt jemand klatscht. Es ist, als hätten die Leute in der Bar den Pianisten in dem Moment erst wahrgenommen, als dieser zu spielen aufgehört hat. Ich habe auch schon Barpianisten und Barpianistinnen erlebt, die das Publikum begeisterten. Auch ihre Musik ging zuweilen unter, aber im Jubel. Und ich war mitgerissen und stand nicht beobachtend in einer Ecke. Der Rhythmus fuhr mir in die Glieder, und ohne es zu merken, fing ich an zu tanzen. - Doch als Schriftsteller hat mich die Geschichte des verlorenen Barpianisten mehr interessiert.
„Welche Musik gefällt Ihnen?“ ist eine offene Frage. Ich kann Antworten geben, die vom Thema ablenken. Aber es gibt Leute, die fragen mich direkt und brutal: „Lieben Sie Jazz?“ Eine „geschlossene“ Frage, auf die man nur Ja oder Nein antworten kann. „Mhmja, schon“, sage ich dann, und ich müsste eine Geschichte erzählen, die ich natürlich nie erzähle, weil mich ja niemand darnach fragt. Die Antwort „Mhmja, schon“ genügt den Leuten. Aber Ihnen erzähle ich jetzt die Geschichte. Im Keller des Einfamilienhauses, wo ich aufgewachsen bin, stand ein altes, beinahe antikes Klavier, auf dem meine Mutter Klavierspielen gelernt hatte. Es war ein kastanienbraunes, unlackiertes Klavier eines unbekannten Klavierbauers, versehen mit zwei beweglichen Kerzenständern aus Messing, die beidseitig am Gehäuse befestigt waren, und es stand ungestimmt in einer Ecke. Als es seinen Platz noch im Esszimmer hatte und an Weihnachten Weihnachtslieder darauf gespielt wurden, liess es meine Mutter hin und wieder stimmen, von einem blinden Klavierstimmer, von denen es damals haufenweise gegeben hat.. Später wurde das Instrument vernachlässigt, obwohl es gerade in seiner Keller-Zeit am häufigsten und intensivsten bespielt wurde. Denn ich hatte während meiner Sekundarschulzeit einen Freund, der schon damals als Kind ein Genie war, und als er das alte Klavier sah, frohlockte er, setzte sich augenblicklich auf einen wackligen Hocker und begann Boogie-Woogie zu spielen, dass die Kellerwände wackelten. Er spielte es frei. Er begann mit einer simplen Liedmelodie wie Rooti Röösli im Garte und machte daraus mit Leichtigkeit eine Jazz-Improvisation. Meine Mutter, die Boogie-Woogie mühsam nach Noten zu spielen versuchte, erblasste vor Neid. Der Schulfreund hackte auf unserem Klavier herum wie ein Wilder und machte damit alles, was er bei sich zu Hause auf seinem Steinway nicht durfte. Es war die Zeit, da Jacques Loussiers Play-Bach-Platten bekannt wurden, und mein Schulfreund, der schon mit dreizehn Organist werden wollte und bereits Orgel-Unterricht nahm, spielte bei uns seine eigenen Play-Bach-Variationen. Ich konnte nicht einfach bloss zuhören, und so wurde neben das alte Klavier ein Schlagzeug hingestellt. Eine grosse Trommel mit Fussmaschine und eine Wirbeltrommel kauften wir im Brockenhaus. Den Rest bastelten wir aus Konfitüre-Kübeln und Einmachgläsern zusammen. Später kamen Rumbakugeln dazu und noch später ein Becken. Und ich versuchte die Jazz-Improvisationen meines genialen Freundes mit meinem enthusastischen Gehaue zu unterstützen. Es war abenteuerlich, befreiend, lustvoll. Ich hatte vom Jazz einen ersten Eindruck bekommen, und ich habe mir gesagt: Jazz ist etwas, das man entweder schon kann oder das man spielen kann, ohne es können zu müssen. Aus meinem Schulfreund ist ein bekannter Organist und Musiker geworden. Sie hören Rudolf Lutz im Jahr 2003, bei einer Ragtime-Improvisation auf einem nachgebauten Hammerflügel, damit Sie sich ungefähr vorstellen können, wie es damals in unserem Keller - fast 40 Jahre sind es her - geklungen haben mag. Stück I (Ragtime)
Hammerflügel dieser Art sind im 18. Jahrhundert hergestellt worden, noch ohne Pedale. Mozart hat auf einem solchen Instrument gespielt. Den Hammerflügel, den wir eben gehört haben, ist von Paul McNaulty in Amsterdam gebaut worden. Die folgende Aufnahme von Rudolf Lutz ist eine Improvisation auf der Orgel, zum Kirchenlied „Näher mein Gott zu dir“. Ein Lied, das sich ältere Menschen im Wunschkonzert wünschen. Jüngere kennen es aus dem Spielfilm Titanic. Für die 1500 Passagiere, für die es damals, in jener grauenvollen Nacht, keine Rettungsboote mehr gab, die auf dem sinkenden Schiff zurückbleiben mussten, spielte die „White Star Line Band“ diese Hymne. Näher mein Gott zu dir. Vorher, so berichteten jene, die noch ein Rettungsboot erwischt haben, vorher habe die „White Star Line Band“ Ragtime-Musik gespielt, um die aufgeregten und verängstigten Leute aufzumuntern. Beide Aufnahmen stammen aus der Sendung „parlando“ von Radio DRS. Ich danke Rudolf Lutz für die Erlaubnis, sie hier wiederzugeben. Stück II (Orgel)
Die zweite Infektion durch Jazz erfuhr ich zwanzig Jahre später. Ich hatte poetische und kabarettistische Texte geschrieben und suchte einen Musiker, mit dem ich diese Texte zur Aufführung bringen konnte. Ich erzählte einem Musiklehrer, den ich flüchtig kannte davon und bat ihn, im Konsi in Zürich, wo er unterrichtete, am schwarzen Brett einen Anschlag zu machen, in der Hoffnung, einen Studenten oder eine Studentin zu finden, die Lust hätten, so etwas zu machen. Doch der Konsi-Lehrer sagte: „Da hätte ich selbst Lust dazu.“ Und so kamen meine Texte während zweier Jahre in Berührung mit Altsaxophon, Bassklarinette, Flöte und Perkussion. Der Name meines neuen Partners war Martin Schlumpf. Er stellte eine Bedingung. Er wollte mich nicht „begleiten“. Musikbegleitung war für ihn etwas Abscheuliches. Der Musiker, so sagte er, werde dauernd zur Zweitrangigkeit verurteilt und habe dann den Job, eine langweilige Autorenlesung ein bisschen weniger langweilig zu gestalten. Dazu gebe er sich nicht her. Ich war mit ihm einig. Auch im Radio werde die Musik oft so programmiert, dass man sich mit Musik vom Gesprochenen erholen könne. Noch schlimmer als die Musikbegleitung war für ihn die Musikuntermalung und das allerschlimmste die Hintergrundmusik. Unsere Ohren seien beklagenswerterweise auf Hintergrund trainiert. Die heutigen Degradierungen der Musik gab es damals, anfangs der 80er Jahre noch gar nicht. Es gab noch keine so geannte Musak. Es gab noch keine Lokalradios, die permanent und überall liefen: beim Friseur, beim Zahnarzt, in der Bäckerei, in der Schuhmacher-Werkstatt, im Café. Eine Bekannte von mir, die ihren Freund verloren hatte, wollte aus einem inneren Bedürfnis, die Kremation mitansehen, was ihr gestattet wurde, ausnahmsweise. Doch wie war sie entsetzt und empört, als sie feststellen musste, dass die Krematoriumsangestellten bei ihrer Arbeit Lokalradio hörten. Musik oder Musak. Wir können ihr nicht entfliehen. Ich brauche in der öffentlichen Bedürfnisanstalt keine Musik, ich brauche keine Musik, wenn ich am Telefon verbunden werde, ich brauche keine Musik in einem Lift. Ich frage mich, ob die Musiker dabei wenigstens Geld verdienen. Verdient Andreas Vollenweider etwas dabei, dass sein Harfenspiel im Aufzug eines Wolkenkratzers einer New Yorker Bank erklingt? Martin Schlumpf und ich widersetzten uns alledem. Sein Saxophon sollte eigenständig sein und den gleichen Stellenwert haben wie die gesprochene Sprache. Das Saxophon sollte sprechen und der Sprecher sollte die Regeln der gesprochene Sprache übertreten. Wir nannten unser Programm Sinn & Sax. Von Anfang an entschieden wir uns, ohne elektronische Verstärkung zu arbeiten. Das war schwierig. Stimme und Saxophon kommen nicht immer gut miteinander aus. Die Stimme fühlt sich vom Saxophon übertönt, und das Saxophon ist frustiert, weil es sich dauernd zurücknehmen muss, damit es die Stimme nicht übertönt. Wir haben das Publikum dazu gebracht, konzentriert zuzuhören. Beim Sinn wie beim Sax. Es ist nicht möglich gewesen, dem Text zuzuhören und sich bei der Musik auszuruhen. Sie hören ein Stück aus Sinn & Sax (1985) mit Martin Schlumpf Sax, Martin Hamburger Stimme.
Stück III (Sinn & Sax)
Willi ist ein Bekannter von mir und hat ein eigentümliches Kunstverständnis. Es gibt für ihn nur ein einziges Kriterium, Bilder zu betrachten; ein einziges Kriterium, Musik zu hören; ein einziges Kriterium, ein Gedicht zu lesen. Bei einem Leonardo da Vinci sagt er, indem er den Kopf etwas zur Seite neigt: „Nicht schlecht, könnte ich nicht.“ Bei einem abstrakten Bild, auf dem rote Farbtöne und weisse Striche zu sehen sind, sagt er, ohne lange hinzuschauen: „Das könnte ich auch.“ Ich habe dem Bekannten - ich kenne ihn aus der Quartierbeiz - diese CD vorgespielt. „Symbiolo“ Sie ist die dritte Infektion, was meine Erfahrungen mit Jazz betrifft. Eine Pianistin und ein Kontrabassist improvisieren auf präparierten Instrumenten, in der Absicht, ungewohnte Klänge zu erzeugen. Willi hat sich das eine Weile angehört und dann gesagt - Sie ahnen es -: „Das könnte ich auch.“ Selbstverständlich kann es in der Kunst nicht darum gehen, ob man etwas „auch könnte“ oder „nicht könnte“. Willi hat ausgedrückt, wie schwierig es für den einfachen Menschen wird, wenn die Künstler neue Gebiete zu erforschen beginnen, was aber in jeder Kunstform etwas Natürliches und sogar Notwendiges ist. Die Pianistin Barb Wagner sagt: Es geht darum, ob mich etwas berührt oder nicht. Ich bin Barb vor etwa zwei Jahren in einer Kulturgruppe begegnet, die es inzwischen schon nicht mehr gibt, und in dieser Gruppe hat sie mir die CD geschenkt. Ich habe sie mir ganz angehört. Zu sagen, „das hat mich berührt“, wäre übertrieben. Aber ich finde es spannend. Je öfter ich es höre, desto spannender wird es, umso mehr, als ich von Barb Wagner Zusatzinformationen dazu bekommen habe, etwa über die Konzepte, die den Improvisatoren vorlagen und die sie sich selbst vorgelegt haben oder über die Technik, mit der die Instrumente präpariert und dann traktiert worden sind. Das Klaviergehäuse ist geöffnet. Die Klaviersaiten werden gestrichen, während die Saiten des Kontrabasses geschlagen werden. In einem der Stücke ist der Klaviaturdeckel demonstrativ zugeklappt, weil die Pianistin die Tasten nicht berühren will. Der zugeklappte Klaviaturdeckel gehöre zum Konzept, aber im Innern des Klaviers sei sie völlig frei, sagt sie. In einem der Stücke (Limit), sagt sie, würden die Instrumente bewusst überall dort gezupft oder geklopft, wo diese nicht klängen. Der Kontrabass sei mit Küchentüchern umwickelt. Das Innere des Klaviers sei mit Rosshaaren, Gummi, Kork, Lederriemen und Textilien ausgestattet. Es sähe „desolat“ aus. Solches ist interessant. Interessant an sich, wie die Packungsbeilage eines Medikamentes, die ich manchmal, ohne krank zu sein, lese, einfach so, als Lektüre. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mir diese Improvisationen angehört hätte, wenn ich zufälligerweise im Radio darauf gestossen wäre, ohne die Pianistin persönlich zu kennen und ohne ihre Erklärungen. Ich vermute, dass ich dann nicht die Geduld gehabt hätte, das Ganze zu Ende zu hören. Bevor wir ein Stück daraus hören, möchte ich Ihnen schildern, wie das Medikament auf mich gewirkt hat, bevor ich die Packungsbeilage gelesen habe. Ich lese Notizen, die ich während des Zuhörens gemacht habe. „Es muss nicht sein, dass jemand mit der Gabel einen leeren Porzellanteller zerkratzt oder ein Kind auf seinem Luftballon herumfingert oder Aehnliches. Das muss nicht sein. Da! Ich habe ganz deutlich etwas Celloartiges gehört. Das war der Kontrabass. Ich sehe den Kontrabass sogar vor mir, sehe, wie dieses hölzerne Ding wie ein Raumschiff durchs All schwebt, in anderen Sphären, wie in Kubricks „Space Odysee, und auf einmal schwebe ich selbst im Weltraum, was ich schön empfinde. Wenn nur nicht dieses Pfeifen wäre. Da pfeift irgendwas. Ein Fahrrad, das man ölen müsste. Was ist jetzt? Da unten in dem Loch brodelt etwas. Seltsame kleine Tiere sind das, Lurche, Chamälions. Ich bin ganz allein auf einer Galapagos- Insel. Unheimlich. Da ist ein Drachen-Ungeheuer aus einer alten Sage, das schnaubt und aus den Nüstern dampft und Flammen spuckt. Und ich habe weder Lanze noch Schwert dabei, oder doch. Geräusche jetzt wie in einer Schmide oder nein, wie in einer grossen Fabrikhalle, wo lange Metallrohre zerschnitten werden. Ist das der Soundtrack eines Horrorfilms? Und plötzlich ist alles weit weg, und ich bin in einem stillen Hinterhof, und ein silberner Suppenlöffel fällt vom fünften Stockwerk auf das Gitter des Kellerschachts.“ Sie hören das Stück Free bow aus der CD „Symbiolo“, 1999, von Barb Wagner (Piano) und Daniel Studer (Kontrabass) Ein so genanntes freies Stück, ohne Konzept.
Stück IV (free bow)
Beim Hören von „Symbiolo“ - es sind im Ganzen elf Titel - bin ich einige Male irritiert worden. So habe ich ein plötzlich auftretendes Brummen für einen Defekt in meiner Lautsprecherboxe gehalten, und erst Augenblicke später bemerkt, dass dies ja zum Stück gehört. Und eine mehrere Sekunden andauernde Stille habe ich für das Stückende oder gar für das überraschende Ende der Platte gehalten und bin erschrocken, als mit einemmal der Knall einer grob gezupften Bass-Saite ertönte und das Stück sich fortsetzte. Im Stück In Time out of Time gehe es um Tempo, sagt mir Barb Wagner, und sie hat es auch in einem Interview im Radio gesagt. Am Anfang der Improvisation sei das verbindende Metrum, und sie habe sich die Aufgabe gestellt, sich von diesem Metrum allmählich zu entfernen. Das Klavier gehe weit weg, während der Kontrabass drin bleibe in der Metronomzahl, zu Hause bleibe sozusagen, denn im Metrum fühle man sich zu Hause, während das Weggehen schrecklich sei, weshalb es so wohl tue, am Schluss wieder nach Hause zurückzukehren. Ich habe auch zu diesem Stück meine Imaginationen notiert, ohne etwas darüber vorher zu wissen. Hätte ich die Zusatzinformationen gekannt, wäre ich ein anderer Zuhörer gewesen. Ich hätte dauernd darauf geachtet, ob ich hören kann, wie das eine Element vom andern wegläuft und mich gefragt, ob ich dies nun höre oder nicht. Als unvoreingenommener Zuhörer habe ich Bilder gesehen. Ich lese wieder die Notizen, die ich beim ersten Mal zuhören gemacht habe: „Mit einemmal das intensive Summen eines Insektenschwarms, etwas, das treibt und vorantreibt. Etwas Fliehendes, Laufendes, Pulsierendes in einer unheimlich kalten, starren Landschaft. Und wieder eine Art Space-Odysee-Gefühl, aber diesmal anders, unruhiger, nervös. Und plötzlich ist es leise geworden. Die Insekten sind traurig, oder vielleicht sind es gar keine Insekten, sondern das Summen oder Brummen kommt von einer Hochspannungsleitung. Und genau unter der Hochspannungsleitung wetzt ein Bauer seine Sense, hat allerdings ein bisschen Mühe damit; es ist vielleicht ein Knecht, der noch nie eine Sense gewetzt hat. Sie hören nun „In time out of time“ Stück V (In time out of time)
Die Stücke von „symbiolo“ eignen sich weder zum Einschlafen noch zum Aufwachen, noch kann man sie sich beim Geschirrspülen anhören, weil das Tellerklappern sich mit den Tönen verschmischen würde. Man kann zu dieser Musik auch nicht die Zeitung lesen. Dieser Musik kann man nur intensiv zuhören.
Meine nächste Begegnung mit Jazz ist nicht an den Haaren herbeigezogen, sondern typisch für mein Musikverständnis. 1987. Ich war als Tourist in New York und besuchte das Hard-Rock-Café - eigentlich nur, um es einmal gesehen zu haben -, und als ich zum zweiten Stockwerk hochstieg, begegnete mir eine junge, bildschöne Frau, die eben die gewundene Treppe herunterkam. Sie mochte siebzehn, achtzehn gewesen sein, sah mich mit grossen Augen an und rief voller Freude: „I love your show!“ - Als plumper Schweizer fragte ich: „What show do you mean?“. Das Konzert von gestern abend, sagte sie. Es fanden im Hard-Rock-Café regelmässig Konzerte statt, und sie meinte das gestrige Konzert hier im Hause, von dem ich keine Ahnung hatte. Ich war blöd damals, mit meinen 35 Jahren, unverbesserlich ehrlich. Freundlich lächelnd erklärte ich dem Mädchen, dass ich mit diesem Konzert nichts zu tun hätte. Sie war erstaunt. Das waren doch Sie, sagte sie. Ich zuckte die Schultern, sie entschuldigte sich, und beide gingen wir unsere Wege; sie treppab, ich hinauf. Ich ahnte sofort, dass ich einen grossen Fehler begangen hatte und eilte zum Plakat mit dem Konzertkalender, um herauszufinden, mit wem ich verwechselt worden war. Es war Chick Corea. Ich hatte diesen Namen schon gehört, aber sonst wusste ich nichts von dem Mann, und ich konnte auf dem Foto des Konzertkalenders ausser der runden Brille keinerlei äussere Aehnlichkeit zwischen ihm und mir erkennen. Er hatte eine ganz andere Nase, ganz andere Augen, fand ich. Der Mund - vielleicht. Der Unterkiefer, das Kinn - möglich. Ich war schockiert. Während ich Eric Claptons Gitarre und Elvis Presleys Schuhe betrachtete im Hard-Rock-Café in New York, stellte ich mir vor, was alles hätte geschehen können, wenn ich spontan auf das Mädchen eingegangen wäre und mitgespielt hätte, was sie von mir erwartete. Es hätte grossartig werden können. Ich hätte sie zum Essen eingeladen und mich von der besten Seite gezeigt, und das Mädchen hätte sich wie im siebten Himmel gefühlt. Ich hätte sie nach Hause begleitet; sie hätte gefragt, ob ich noch schnell mit raufkomme; ich wäre selbstverständlich mit raufgegangen und hätte im Stillen gehofft, dass sie kein Klavier in ihrem Zimmer hat...Diese Chance habe ich verpasst. Ich ging in den nächsten Plattenladen und kaufte mir eine Platte von Chick Corea und hörte sie mir zu Hause mit der repeat-Taste mehrmals hintereinander an und träumte dabei einen romantischen Traum. Was ich hörte, gefiel mir. Es erinnerte mich an den einsamen Barpianisten, der unentwegt spielt und spielt, in sich versunken, sich verlierend im Ambiente, das er mit seinen Tönen kreiert, die erst dann auffallen, wenn sie aufhören. Es folgt von Chick Corea das Stück „It could happen to you“. Eine Komposition von Jimmy Van Heusen & Johnny Burke.
Stück VI (Chick Corea)
Die Pianisten Barb Wagner und der Kontrabassist Daniel Studer bezeichnen ihre Arbeit unter anderem als „musikalische Feldforschung“. Musik als Forschung. Sind Musiker der modernen klassischen Musik oder der frei improvisierten Musik mehr Naturwissenschaftler als Musikliebhaber? Der Mediziner muss ins Innere des menschlichen Körpers sehen können. Also durchleuchtet er ihn oder schneidet ihn auf. Forschende Musiker tun ähnliches mit unseren Hörfähigkeiten und Hörgewohnheiten. Barb, die wie Daniel Studer von der klassischen Musik herkommt, ist sich lange gewöhnt gewesen, metrisch zu spielen, da alle Werke metrisch notiert sind. Für sie ist die ternäre Bewegungsart im Jazz eine Oeffnung gewesen in die vegetative Bewegungsart, und das habe sie, wie sie sagt, „total fasziniert“ und zum Improvisieren geführt. Sie wundert sich sehr, weshalb jahrhundertelang die Musik metrisch gespielt worden ist, während doch die lebenserhaltenden Funktionen des Menschen alle vegetativer Art sind. Sie stellt fest: „Im Menschen gibt es nichts, das absolut metrisch abläuft, nicht einmal das Ein- und Ausatmen.“ Erst heute werde die neue Bewegungsart entdeckt. Statt der Metrik zu folgen von Anfang bis zum Schluss, erfinde und entwickle man aus dem Moment heraus, und das sei das Faszinierende. Es ist nicht die grosse Masse, die das wirklich hören will und zu hören vermag. Es gibt ja auch nur wenige, die bei der Obduktion eines menschlichen Körpers zuschauen möchten, oder die sich mit der Aesthetik von Röntgenbildern beschäftigen, oder die den Beipackzettel eines Schmerzmittels poetisch interpretieren. Für den Laien, den Trägen, Bequemen ist das nichts. Der Laie ist in der Regel nur einmal im Leben bei einer Obduktion dabei, und das ist seine eigene. Nur hat er dann nichts mehr davon. Mit Barb Wagners und Daniel Studers ungewohnten Klängen können Sie dabei sein und haben etwas davon.
Copyright by Martin Hamburger, Zürich 2003
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Bericht für eine Akademie
Verehrte Damen und Herren, gestatten Sie mir eine Anmerkung.
Im Rückblick auf das letzte Jahr stellen wir mit einiger Verwunderung fest, dass in Foren und Mitgliederorganisationen der Akademie die „Früherkennung“ ein viel diskutiertes Thema darstellt. In der Klimaforschung, in der Gen-Forschung, in den Untersuchungen zur Biodiversität, in der Alpenforschung. - Früherkennung scheint zu einem wissenschaftlichen Schlagwort geworden zu sein. Aber haben Wissenschaftler nicht seit jeher früh - oder früher als andere - etwas erkannt?
Oh, ich habe vergessen, mich vorzustellen: Mein Name ist Kafka. Mein Bericht für eine Akademie erschien, wie Sie wissen, 1917 und hat grosses Aufsehen erregt. Ich hatte mir erlaubt, in der Gestalt eines Affen zu den hohen Herren von der Akademie zu sprechen. Wörtlich habe ich gesagt: „Ihr Affentum, meine Herren, soferne Sie etwas Derartiges hinter sich haben, kann Ihnen nicht ferner sein als das meine.“ Ich habe den Affen von seiner Gefangenschaft im Zoo bis zu seiner Karriere als Variete-Künstler berichten lassen. Ich möchte es heute, meine Damen und Herren, kürzer machen und verzichte auf das Affenkostüm. In Anbetracht der Paviane, Gorillas und Schimpansen des Prager Zoos beschäftigte mich die Frage, inwiefern unsere Primaten Naturwissenschaftler sind. Im weitesten Sinne sind sie es. Sie sind nicht nur lernfähig, sondern auch lehrfähig. Die Elterntiere der Schimpansen bringen den Jungen manuelle Fertigkeiten bei, wie das Fangen von Termiten mit einem Stecken. Schimpansenkinder, welche die Schule schwänzen, wissen nicht, wie man Termiten fängt. Die Termiten-Fang-Technik ist also nicht instinktiv wie die Mücken-Fang-Technik der Schwalben. Doch will ich Sie nicht mit Dingen aufhalten, die allgemein bekannt sind. - Die Frage lautet vielmehr: Können Affen hoffen??? Ist die Evolution eine Hoffnung? Die Früherkennung des aufrechten Gangs? Angenommen, es gibt den Planeten Erde in 5 Millionen Jahren noch, und angenommen, es gibt darauf noch eine Biosphäre - gibt es da den Homo sapiens noch? Wenn ja, wird er sich anatomisch von uns heutigen Menschen unterscheiden? In dem Masse wie wir uns vom Neandertaler unterscheiden? Der Homo sapiens hätte sich dann zum Homo kalkulens entwickelt, zu einem Menschen, der von Natur aus rechnen kann, zu einem biologischen Rechner.
Oh, ich habe vergessen, mich vorzustellen: Mein Name ist Brecht. Astronomischer Mitarbeiter am Himmelszelt des Berliner Theaters. In meinem Theaterstück „Das Leben des Galilei“ ging es um die Früherkennung der Bewegung des Erdballs. Was wäre gewesen, wenn Galilei seine Erkenntnisse für sich behalten hätte? Er hätte ein gemütlicheres Leben gehabt. Wir lassen uns noch heute täuschen, wenn wir in einem still stehenden Zug sitzen und sich der Zug auf dem Nebengleis in Bewegung setzt. Galilei hat niemanden beleidigen wollen. Er wollte Kenntnisse verbreiten, berichten, was er beobachtet hat.
Oh, ich habe vergessen, mich vorzustellen. Mein Name ist Dürrenmatt. Die Früherkennung der Apokalypse ist mein Thema. Die Physiker in meinem Stück „Die Physiker“ haben darauf verzichtet, ihre Erkenntnisse zu veröffentlichen und hatten ein gemütliches Leben in einer Irrenanstalt. Bis man ihnen auf die Schliche kam. Am besten machte es Sokrates. Sokrates verstand vor allem etwas: sich selber zu sein. Eine Fähigkeit, welche die wenigsten Männer besitzen. Zuerst sind sie Kinder, dann werden sie Männer, und wenn sie Männer geworden sind, werden sie Politiker, Feldherren, Dichter, Helden oder Wisschenschfter - nur nicht sich selber. Sie sind keine Männer mehr, sie spielen Männer. Sokrates blieb Sokrates. Er wusste, dass er nichts wusste, und darum fragte er einen jeden, was er wisse. Er fragte Handwerker, Philosophen, Astronomen, Politiker; er fragte und fragte, bis niemand mehr eine Antwort wusste, so dass er immer wieder vor dem ungeheuren Meer des Nichtwissens stand, worin alle Fragen münden und wo es unsinnig ist, weiter zu fragen. Denn je mehr man zu wissen glaubt, desto unermesslicher wird dieses Meer. Sokrates war überzeugt, Unrecht zu erleiden sei besser als Unrecht zu tun. Darum tat er nichts. Er war von einer göttlichen Faulheit. Sein war ihm alles. Wissen nichts. Ich plädiere für eine Wissenschaft im Off. Ich plädiere für die Hoffenschaft.
Oh, ich habe vergessen, mich vorzustellen. Mein Name ist Jandl. Zu meinen Verdiensten gehört die Früherkennung der modernen experimentellen Lyrik. In den Sechzigerjahren des 20. Jh. begann ich Sprechgedichte und Lautgedichte zu veröffentlichen und habe diese mit Vorliebe selber vorgetragen. Bestiarium:
au eise raus weh zelle liege geh liege geh liege geh ecke liege geh ecke liege rrrrrrrrrrrrrrrrrrrr ops ops s------c---------h pfau au pfau au pfau au rrrrrrrrrrrrrr ameise eise ameise eise ameise au libelle belle libelle belle libelle belle s-------c------h fliege liege geh fliege liege geh liege geh liege geh ! zelle gazelle gazelle gazelle liege geh liege geh ameise! fliege pfau! belle fliege! au belle gazelle! fliege gazelle! zelle zelle gazelle geh liege geh rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr bär rrrrrrrrrrrr bär rrrrrrrrrrrr bär rrrrrrrrrrrr bär rrrrrrrrrrrr ameise eise zelle gazelle libelle belle fliege liege geh!
ecke ameise ecke schnecke zelle gazelle ecke schnecke au pfau rrrrrrrrrrrrrrrrr hirsch s--------c----------h goldfisch s--------c----------h löwe weh löwe weh löwe weh goldfisch au kalb b kalb b b kalb s--------c-----------h ameise eise libelle belle wurm rrrm wurm rrrm wurm rrrm kalb b b schnecke necke mops ops ops löwe ops ops löwe weh bär rrrrr bär rrr ops ops hirsch au ameise eise mops ops ops elch ch ch ch löwe ch ch ch goldfisch b kalb b b o o floh o o o floh o pfau au ameise eise libelle belle fliege liege geh gazelle zelle bär rrr schnecke ecke necke hirsch s-------c--------h goldfisch s-------c--------h löwe eeeeeeeeeeeee wurm mmmmmmm mops ssssssssssssss elch ch ch ch ch ch ch
ooooooooooo rrrm rrrm strauss raus aus maus b b
Oh, ich habe vergessen, mich vorzustellen. Mein Name ist Martin Hamburger. Ich hatte den höchst angenehmen Auftrag, Sie an das hundertjährige Jubiläum des Senats zu erinnern. Ich danke Ihnen, dass Sie sich haben stören lassen.
13.5.05 Copyright by Martin Hamburger, Zürich
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DEUTSCHE DEMOKRATISCHE REPUBLIK
von Martin Hamburger
Ich hätte für die DDR gekämpft, ich hätte mich für die DDR geopfert. Ich hätte meine schweizerische Staatsbürgerschaft aufgegeben, um Bürger der DDR zu werden. Ich hätte eine politische Laufbahn eingeschlagen, noch mit 38 Jahren, und vielleicht wäre ich unversehens an die Macht gekommen, so wie Angela Merkel, die nur drei Jahre jünger ist als ich, wie aus dem Nichts Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland geworden ist. Aber leider ist nicht alles so gelaufen, wie ich es mir gedacht hatte.
1977. Ich bin zum ersten Mal in der DDR, das heisst nur in Ostberlin, mit einem Tagesvisum von Westberlin aus. Es ist Sommer. Ich sitze auf einer Parkbank und strecke und räkle mich, denn ich bin von der Stadtführung müde geworden. Da setzen sich zwei Studenten zu mir und machen mir ein Angebot. Ich soll ihnen meine verwaschenen Bluejeans geben und dafür von ihnen andere Jeans bekommen, fabrikneue DDR-Jeans, sogar zwei Paare, wenn ich wolle. Die Marke, die ich trage, sei super und nur im Westen zu bekommen, sie hätten von Jeans, wie ich sie trage, schon lange geträumt. Ich bin ein Modeverächter und sage ihnen, dass mir Kleider und insbesondere Markennamen völlig schnuppe seien. „Was wollt ihr mit dem amerikanischen Scheiss?“ frage ich. Den Studenten bleibt die Spucke weg. Aber ich willige ein und lasse mitten in Ostberlin meine Hosen runter, um Westjeans gegen Ostjeans zu tauschen (zufällig passen mir die neuen), und bin stolz, mit Menschen aus einem sozialistischen Land gesprochen zu haben. Es ist ein flüchtiger, dafür fast körperlicher Kontakt mit Menschen aus der DDR gewesen.
1986. Ich darf am internationalen Poesiefestival in Struga (Jugoslawien) teilnehmen. Zweihundert Dichter und Dichterinnen aus siebzig Ländern sind gekommen. Am Rande dieses Festivals mache ich meine zweite Erfahrung mit der DDR. Es gibt genügend freie Zeit für die Dichter, um persönliche Kontakte zu knüpfen und zu pflegen, und so kommt es, dass eines späten Abends ein paar zusammensitzen und sich für den nächsten Tag verabreden, um einen gemeinsamen Spaziergang zu unternehmen. Ein Luxemburger, eine Kubanerin, ein Westdeutscher, ein Amerikaner, eine Ostdeutsche und ich, der Schweizer. Die Verabredung lautet: Vormittags um 10 Uhr in dem und dem Hotel. Am nächsten Tag sind es zwei, die sich an die Verabredung halten: die Frau aus der DDR und der Mann aus der Schweiz. A. kommt pünktlich zur Tür herein wie ich, und es scheint, dass uns Pünktlichkeit (Pünktlichkeit auf die Minute genau) eine Selbstverständlichkeit ist. Die andern kommen wohl später, denken wir, doch die andern kommen überhaupt nicht. Eine Stunde haben wir gewartet, dann sind wir ohne die andern spazieren gegangen. Haben die andern verschlafen? Es vergessen? Haben sie Ort und Zeit nicht richtig notiert? Haben sie keine Lust mehr gehabt? Haben sie die Verabredung nicht ernst genommen? Warum haben sie im Hotel nicht angerufen? Wir stellen fest, meine Kollegin aus der DDR und ich, dass die graue DDR und die kleine Schweiz ihre Menschen geprägt haben. In diesen so unterschiedlichen Ländern sind die Menschen ähnlicher als man es wahrhaben will: ehrlich, zuverlässig, fleissig, pünktlich.
1987. Beim Schriftstellerverband bin ich inzwischen als DDR-Kenner (oder -Freund) bekannt, und ich werde beauftragt den DDR-Schriftsteller P. auf seinem Besuch in Zürich zu betreuen. P. schreibt an einem Roman über Büchner, und Büchners Lebenslauf führt unweigerlich nach Zürich. Georg Büchners Zürich ist der Grund für P.s Ausreisebewilligung gewesen. Meine Betreuung besteht darin, P. Gesellschaft zu leisten und ihm ein paar Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Aber eigentlich schmieden wir Pläne. Er will mich zu sich nach Arnstadt einladen und für mich eine Lesung organisieren.
1989. Die Lesung soll am 8. Dezember stattfinden. Ich habe das Visum bereits im Frühjahr bei der DDR-Botschaft in Bern beantragt, Ende Sommer mit einem Telefonanruf reklamiert und schliesslich rechtzeitig erhalten. (Das kurze Telefongespräch mit der Botschaft, ob das Visum in Ordnung gehe, ist ein Fehler gewesen, denn der schweizerische Geheimdienst hat mitgehört, was ich später in meinen Fichen nachgelesen habe.) Und als ich nach Arnstadt reise, gibt es die DDR gar nicht mehr. Jedenfalls nicht so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Die Mauer ist gefallen und im ganzen Land herrscht ein heilvolles Chaos. Aus der geplanten Lesung in Arnstadt ist eine Kabarett-Tournee geworden. Ich spiele auch in Gera, wo ich Kollegin A. wieder treffe. Ich werde in Schulen geladen, um zu diskutieren, und ich bin an der letzten grossen Montagsdemonstration in Leipzig dabei, wo jeder mit einer Kerze in der Hand durch die Innenstadt geht, um schweigend den Stasi-Opfern der letzten Jahre zu gedenken. Ich spreche mit vielen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten, und obwohl niemand mehr ein Blatt vor den Mund zu nehmen braucht, ist niemand für eine Wiedervereinigung. Alle wollen eine neue, freie, sozialistische DDR. Neues Deutschland erscheint nicht mehr als Zentralorgan der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, sondern als sozialistische Tageszeitung. Ich entschliesse mich, am Aufbau einer neuen DDR mitzuhelfen. Es ist eine windige Nacht, die Kerzen flackern. Auch Angela Merkel befindet sich in dieser Menschenmenge, schützt mit der einen Hand die Flamme ihrer Kerze. Auch sie fasst einen Entschluss. Sie will aufhören, die Geschwindigkeitskonstanten von Elementarreaktionen (Titel ihrer Promotion) zu berechnen und endgültig in die Politik einsteigen.